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Wächterin der Träume

Wächterin der Träume

Titel: Wächterin der Träume
Autoren: Kathryn Smith
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Kapitel eins
    N ebel ist nie eine gute Sache.
    Seit Jahrzehnten taucht er in Horrorfilmen immer dann auf, wenn Furcht, Spannung und eine gespenstische Atmosphäre erzeugt werden sollen, in der entsetzliche Geschöpfe ihr Unwesen treiben. Ich bin sicher, dieses Bild hat sich jemand ausgedacht, der dem Traumreich im Schlaf ein wenig zu nahe gekommen ist – und den »Wachhund« sah, der dort lauert.
    Dieser Gedanke kam mir, als ich nur mit knapper Not den scharfen Klauen des Nebels auswich, die mir die Eingeweide herausreißen wollten.
    Ich heiße Dawn Riley, und ich wurde vom Nebel bedroht, weil ich die Tochter von Morpheus, dem Gott der Träume, bin. Gleichzeitig bin ich auch ein Mensch – und eigentlich dürfte es mich gar nicht geben. Der Nebel wusste das, und da es seine Aufgabe war, das Traumreich zu schützen, betrachtete er mich als eine Bedrohung, die es zu vernichten galt.
    Klauenähnliche Tentakel aus Nebelschwaden schrammten über meine Haut und hinterließen breite rote Striemen. Dort, wo sie sich festkrallen konnten, quollen erste kleine Blutstropfen hervor. Dieser verfluchte Nebel hasste mich. Das beruhte – »Autsch! Verdammt, nicht im Gesicht!« – auf Gegenseitigkeit.
    »Lässt du dir das etwa gefallen?«
    Ich drehte mich zu der grollenden Stimme um. Jemand stand ein paar Meter entfernt und ließ sich zärtlich von den Nebelfingern kraulen, als wäre er ein niedliches kleines Kätzchen und nicht ein eins achtzig großer, muskelbepackter und wie aus Stein gemeißelter Mann – mein Trainer Verek.
    Die Bezeichnung »Mann« bezog sich lediglich auf sein Geschlecht. Auch er ist kein Mensch im herkömmlichen Sinne. Wir sind dunkle Träume, Nachtmahre, Wächter des Reichs der Träume. Verek ist reinblütig, ich hingegen bin halbblütig.
    Der Nebel verhinderte, dass Menschen zu weit ins Traumreich gerieten, und wehrte Feinde ab. Da dies nur selten vorkam, war er jetzt umso gieriger nach mir, wie ein ausgehungerter Wolf auf der Suche nach frischem Fleisch. Verek sagte, ich müsse den Nebel dazu bringen, mich als Teil dieser Welt und nicht als Eindringling zu betrachten.
    Im Grunde genommen musste ich ihn zähmen, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte.
    »Du hast leicht reden«, knurrte ich. »Dir gegenüber benimmt er sich ja auch wie eine scharfe Masseuse im Wellness-Salon.«
    Der Vergleich gefiel Verek offenbar, denn er grinste, und die leuchtend weißen Zähne in seinem gebräunten Gesicht blitzten. Er war wirklich hinreißend – doch manchmal wusste ich nicht, ob ich ihn lieber anhimmeln oder ihm seine hübsche Nase brechen sollte.
    »Er respektiert mich eben«, sagte Verek herablassend. »Er weiß, dass ich ihm überlegen bin, aber keine Gefahr für ihn darstelle.«
    Was er nicht erwähnte, war, dass der Nebel eigentlich auch mich respektieren sollte. Welches fühlende Wesen sich auch immer hinter diesen kriechenden Nebelfingern verbarg – aufgrund meiner Herkunft sollte es mich als seine Herrin und Meisterin betrachten. Doch statt wie Königin Elizabeth die Erste behandelt zu werden, war ich eine Lachnummer. Ein lausiger Prinz Charles.
    Wie zur Bestätigung wickelten sich plötzlich einige Nebelschwaden um meinen zerzausten Pferdeschwanz und rissen daran, und zwar so heftig, dass meine Kopfhaut förmlich aufjaulte und mir Tränen in die Augen schossen.
    »Verflucht noch mal!«, brüllte ich und riss den Arm hoch. Auf einmal hielt ich einen Dolch in der Hand. Es war
mein
Dolch. Er besaß eine Morae-Klinge, die speziell für Nachtmahre wie mich angefertigt wurden. Ich spürte, wie sich der mit Mondsteinen besetzte Griff in meine Handfläche schmiegte, und hob die teuflisch scharfe Klinge, bereit, mich zu verteidigen.
    Doch bevor ich zustoßen konnte, hielten mich zwei starke Arme zurück. »Nein!«, rief Verek. »So geht das nicht!«
    Ich erstarrte. Auch das unablässige Gewisper aus dem Nebel erstarb. Die Tentakel zogen sich verängstigt wieder zurück.
    »Wenn du es verletzt, wird es nur schrecklich wütend«, erklärte mir Verek leise und streckte eine Hand nach dem Nebel aus, als wollte er ein scheues Hündchen locken. Den anderen Arm hatte er fest um mich geschlungen, damit ich nicht vor dem sich nähernden Nebel zurückweichen konnte. Bleiche Fetzen, die mit einer nichtmenschlichen Stimme leise etwas murmelten, kräuselten sich um seine Finger und Handgelenke. »Wenn du ihm etwas tust, wird es dich nur als Bedrohung ansehen.«
    »Na toll«, murmelte ich. Dann

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