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Tortenschlacht

Tortenschlacht

Titel: Tortenschlacht
Autoren: Oliver G Wachlin
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der KWV ?«
    Siggi lächelt schief. »Der frisst mir aus der Hand. Alter Kollege aus dem Ministerium. Ich war sein Vorgesetzter. Wir könnten was faken. Zum Beispiel, dass die Besetzer Verträge für die Häuser kriegen.«
    »Wie willst du das faken?«
    »Das lass mal meine Sorge sein«, sagt Siggi. »Ich hab den Bentzsch nicht umsonst auf seinen Posten gesetzt.«
    Bentzsch! Rüdiger Bentzsch! Plötzlich wird mir einiges klar.
    »Sag mal, Siggi«, frage ich gedehnt, »was sind diese besetzen Häuser eigentlich heute so wert?«
    »Die Häuser nicht viel. Das sind Ruinen.« Er lächelt. »Aber der Wert der Grundstücke hat sich heute Nacht mindestens verdreifacht.«
    Genau, denke ich. Das ist genau der Punkt. »Kann es sein, dass du für diesen ganzen Mist hier verantwortlich bist?«
    »Mensch, Dieter!« Siggi sieht mich eindringlich an. »Das konnte doch keiner ahnen, dass das so eskaliert! Die Häuser müssen so oder so geräumt werden, allein wegen der Bausicherheit …«
    Er will noch weiterfaseln, doch plötzlich hallt trockenes Knallen über den Platz. Gleichzeitig dehnt sich weißlicher Rauch aus.
    Tränengas! Der Helmholtzplatz wird mit Tränengas sturmreif geschossen.
    »Tücher!«, ruft Polzin. »Nehmt die Tücher!«
    Jetzt ist klar, wofür die vielen Tücher sind, die gestern beim Volxfest an den Ständen verkauft worden sind: In kaltes Wasser getaucht, bieten sie etwas Schutz vor dem Tränengas.
    Auch ich binde mir eins um, während an der Raumerstraße die ersten Räumpanzer auftauchen und mit voller Wucht in die Wagen der Rollheimer krachen. Und immer wieder knallen Tränengasgranaten. Auf dem Platz bricht Chaos aus, überall rennen Autonome und Polizisten herum, etwas weiter hinten geraten die ersten Autos in Brand.
    »Weg hier!«, brülle ich und springe auf. »Schnell!« Ich renne aufs Klo, hole Melanie vom Topf und klatsche ihr einen feuchten Wischlappen vors Gesicht. »Halte das so fest. Ich versuche, die Einsatzleitung zu kriegen.«
    Hinterm Tresen steht ein altes Telefon. Ich wähle die Westberliner Vorwahl, dann die Einsatzleitung. Es dauert, bis jemand rangeht. Schon dringt von allen Seiten tränentreibendes Reizgas in »Rosies Broilerstübchen«.
    »Einsatzleitung Zwo, wer spricht?«
    »Knoop, Mordkommission«, melde ich mich und gebe meine Dienstnummer durch, »ich muss dringend den Einsatzleiter sprechen!«
    »Sitzt im Heli«, kommt es vom anderen Ende. »Moment, ich versuch’s mal!«
    Kurz darauf ist die Verbindung weg. Mist. Irgendwer hat die Leitung gekappt. Und die Luft im »Broilerstübchen« ist kaum mehr zu atmen. Hastig tauche ich die Tücher erneut ins Waschbecken und halte sie mir wieder vor die Nase.
    »Ach nee!« Plötzlich stehen mehrere Punks vor mir. Alle haben Gasmasken auf und sehen entsprechend gruselig aus. Auch die Stimme klingt wie aus einem Horrorfilm. »Der Bulle spielt Agent Provocateur? Tut mir leid, das können wir nicht zulassen!«
    Schon stürzen sich zwei der Punks auf mich und wollen mich fesseln. Melanie schreit auf. Ich wehre mich, aber da mir das feuchte Tuch vom Gesicht fällt, werde ich vom Tränengas rasch außer Gefecht gesetzt.
    »Schluss jetzt!« Siggi hat plötzlich eine Waffe in der Hand. Seine alte Makarow, die Ordonnanzwaffe der Stasi. »Genug Indianer gespielt! Lasst den Mann los, und schön die Hände hoch!«
    Doch plötzlich wird ihm von hinten ein Kneipenstuhl ins Kreuz gekloppt. Siggi stolpert vor, die Waffe fällt ihm aus der Hand und schliddert über den Fußboden. Eine der Gasmasken hebt sie auf, und auch dem sich heftig wehrenden Siggi werden die Arme auf dem Rücken mit groben Stricken zusammengebunden. Fürs Erste haben wir jegliche Kontrolle über die Situation verloren.
    48    DIE GASMASKEN ZERREN uns raus auf den vernebelten Platz. Überall heulen Sirenen. Mehrere Autos brennen, und dort, wo vorhin noch ein fröhliches, lautes Volxfest war, wird jetzt erbittert gekämpft. Steine fliegen, und Molotowcocktails zerplatzen brennend auf dem Straßenpflaster. Polizisten rücken hinter ihren Plexiglasschilden vor wie eine babylonische Armee. Und immer wieder hört man das trockene Ploppen der Tränengasgranaten. Ich sehe kaum noch etwas und ersticke fast.
    Seltsam ist, dass Siggi noch herumkrakeelen kann. »Ihr Idioten«, schimpft er wütend, »merkt ihr nicht, dass so nur alles noch schlimmer wird?!«
    Doch niemand achtet auf ihn, wir werden in eines der besetzten Häuser gebracht und in einen Verschlag im Keller gesperrt. Wenigstens ist

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