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0305 - Der Tod schminkt sich die Lippen

0305 - Der Tod schminkt sich die Lippen

Titel: 0305 - Der Tod schminkt sich die Lippen
Autoren: Der Tod schminkt sich die Lippen
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Am 7. Januar erlebte New York eine Sensation, die noch wochenlang das Gesprächsthema Nummer 1 in der Millionenstadt bleiben sollte.
    Das Geschehen rollte am Morgen, kurz nach 9 Uhr, in der Schalterhalle der North Trade Bank ab.
    Vier Frauen, die wie Wintersportler gekleidet waren und ihre Gesichter hinter großen Sonnenbrillen versteckten, verübten einen beispiellos dreisten bewaffneten Überfall, bei dem sie zwei Kassierer erschossen und einen schwer verwundeten. Die Frauen benutzten großkalibrige Pistolen und eine Tommy Gun. Die Räuberinnen entkamen mit einer Beute in Höhe von 65 000 Dollar.
    Sämtliche Bankkunden in der Schalterhalle sagten übereinstimmend aus, daß es sich um blond- und schwarzlockige Frauen gehandelt habe — wie trotz der Kopftücher, die alle trugen, zu erkennen gewesen war.
    Auffallend waren die grellgeschminkten Lippen der Gangsterinnen.
    ***
    Ich saß in einer Kneipe in der Sullivan Street. Ich saß hier seit zwei Stunden. Alle zwanzig Minuten hob ich die Hand, worauf der schmuddlige Kellner herbeieilte und mein Whiskyglas wieder mit einer Hausmarke füllte, die einem Raketentreibstoff ähnlicher war als Whisky. Ich kippte nahezu jeden Drink unter den Tisch, aber nachbestellen mußte ich, denn in dieser Kneipe fiel ein Mann unangenehm auf, der seinen inneren Pegelstand nicht auf Kragenknopfhöhe brachte.
    Die Kaschemme hieß »Ben«. Ben war der Besitzer, ein Gebirge von einem Mann. Seine Kunden waren kleinere und mittlere Ganoven. Die Kneipe galt als Nachrichtenbörse der Unterwelt, und aus diesem Grunde saß ich hier.
    Plötzlich stand ein Mann vor mir. Er hielt sich an meinem Tisch fest, blickte mich aus verglasten Augen freundlich an und lächelte.
    Ich schätzte ihn auf fünfundzwanzig Jahre alt. Er war kaum mittelgroß und schmal. Sein Gesicht war so glatt wie das eines jungen Mädchens.
    »Auch allein?« fragte er mit schwerer Zunge.
    Ich nickte.
    Er ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen.
    »Trinken Sie aus, Mister, und trinken Sie einen mit mir.«
    Ich tat ihm den Gefallen. Er lehnte sich zurück und schrie nach einer Flasche. Als der Kellner sie brachte, griff der Jüngling in die linke Seitentasche seines Mantels, zog einige zerknüllte Dollarnoten heraus und drückte sie dem Schmuddeligen in die Pfote, der sich hastig bedankte und schnell verschwand.
    »Sie scheinen gut bei Kasse zu sein«, sagte ich.
    Der Jüngling grinste. »Ich habe in einen Goldtopf gefaßt! Trinken wir!«
    »Ihr Gesicht ist neu hier.«
    Er nickte. »Mein erster Ausgang heute!«
    »Sind Sie in einer geschlossenen Anstalt?«
    »So kann man es nennen. Noch besser: Ich war in ’ner geschlossenen Gesellschaft.«
    »Gefängnis?«
    Er lachte laut. »Kann man beinahe so nennen, aber kein Richter hat mich hineingeschickt, ich bin freiwillig ’reingegangen. Die sechs Wochen haben mich fast verrückt gemacht. Aber es hat sich gelohnt.«
    Ein neuer Gast zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
    Es war eine Frau, eine schlanke, große, stark geschminkte Frau mit schönem, kupferrotem Haar. Der Blick ihrer grüngrauen Augen war durchdringend.
    Sie blieb an der Theke stehen. Der dicke Ben schob ihr einen Drink hin, und sie kippte ihn in einer Art hinter die roten Lippen, die auf Routine schließen ließ. Dann drehte sie sich um und sah die Gäste in der Kaschemme der Reihe nach an. Für den Bruchteil einer Sekunde ruhte ihr Blick auch auf mir. Während sie die Gäste musterte, schob sich ein Kerl mit brutalem Gesicht an sie heran. Er sagte etwas zu der Rothaarigen. Sie blickte ihn kalt an, lachte dann, nickte und wandte sich wieder der Bar zu. Der Kerl bestellte sofort zwei Drinks und rückte auf Tuchfühlung an das Girl heran.
    Ein unangenehmer Druck gegen den Magen lenkte meinen Blick wieder auf den Jüngling an meinem Tisch.
    Der Knabe hielt eine Wesson-Pistole in der Hand und kitzelte damit meinen Solar Plexus.
    Der Junge grinste.
    »Besser, du nimmst rias Ding weg«, sagte ich vorsichtig. »Es könnte mir einen Ölfleck auf die Krawatte machen.«
    »Bin ich nicht schnell?« fragte er fröhlich. »Ich kenne niemanden, der schneller ist.«
    Er machte eine Bewegung mit der freien Hand- Für die Dauer eines Lidschlages lenkte er damit meine Aufmerksamkeit ab, und im gleichen Augenblick spürte ich den Druck in der Magengegend nicht mehr, und die Wesson war verschwunden.
    »Fast ein Zaubertrick, nicht wahr?«
    »Nicht schlecht«, gab ich zu.
    »Keiner ist schneller«, wiederholte er, und um es mir zu beweisen, zauberte

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