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Tortenschlacht

Tortenschlacht

Titel: Tortenschlacht
Autoren: Oliver G Wachlin
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schnelles, leichtes Holzschiff, erklärte ich Hansen mit Kennermiene.
    In meiner Jugend hatte ich mich zeitweise sehr intensiv mit der Schifffahrt beschäftigt. Mein Traum war es, einmal zur See zu fahren, vielleicht sogar Kapitän zu werden und, wie so viele junge Männer, von der Durchquerung der Ozeane zu berichten.
    Nicht allein wegen meiner Kurzsichtigkeit rieten mir meine Eltern damals ab, ich hätte so oft Nasen- und Zahnfleischbluten, damit gehe man nicht leichtfertig auf See, da gebe es so schnell keinen Zahnarzt. Ich hatte mich dann für den Polizeidienst entschieden, der Polizeibehörde schienen bei der Einstellung das Zahnfleischbluten sowie die leichte Sehschwäche total egal.
    Nun, das Ganze war lange her, aber das eine oder andere Detail über Schiffe und die Seefahrt hatte ich mir merken können. Mein Herz pocherte immer noch, wenn ich ein schickes Schiff oder das offene Meer sah.
    Die »Vandalia« war ein einmastiger, schneller Küstensegler, gebaut aus braunem Lärchenholz, knapp fünfzehn Meter lang, satte drei Meter breit und ausgelegt für vielleicht maximal zehn Mann Besatzung.
    Hansen rief nach dem Kapitän, ohne Erfolg, es war niemand an Bord. Ich zeigte hinauf zum Mast, dort wehte locker bei nur schwacher Brise eine rote Fahne mit zwei gekreuzten gelben Knochen darauf.
    »Das ist ja wohl ein Witz!«, staunte Hansen nicht schlecht.
    »Eine Piratenflagge!«, fügte ich einmal mehr selbstsicher hinzu.
    »Was soll der Unfug! So was gibt’s doch gar nicht mehr.«
    »Zumindest nicht auf der Ostsee.«
    »Richtig, Kubsch. Vielleicht im Golf von Aden oder im Arabischen Meer oder in der Andamanensee, aber doch nicht hier.«
    Der Kommissar schien verärgert. Da pustete von achtern eine plötzliche Windböe, blähte erst die Segelohren vom Chef auf und ließ dann direkt vor uns den roten Lappen straff am Mast flattern. Stolz zeigte sich der Jolly Roger.
    »Fragen Sie doch mal beim Hafenmeister nach, wem der Kahn gehört. Und dann werden wir den Witzbolden einen kleinen Besuch abstatten.«
    Hansen machte ein paar Kritzeleien. Wenn ich das richtig deutete, malte er die Fahne in sein Notizbuch. Danach schien er mit sich und der Welt wieder im Reinen und gab mir ein Zeichen, dass wir einpacken und abrücken würden.
    Die Kollegen von der Spurensicherung rollten den toten Kopf gerade in eine Plastikfolie und legten ihn vorsichtig in einen grauen Metallbehälter, der eigens für abgetrennte Körperteile stets zu ihrer Ausrüstung gehörte. Sarg konnte man das Ding ja nicht nennen, aber einen anderen Namen hatte der Kübel auch nicht.
    Die gaffende Menge war zwischenzeitlich auf eine stattliche Zahl an Schaulustigen angewachsen. Die meisten von ihnen entschieden sich zögerlich, ihren Feiertagsspaziergang fortzusetzen, nur die Reporter nicht, von denen mittlerweile ein halbes Dutzend Kollegen gekommen war.
    Die knappen Fragen, die sie Hansen aggressiv hinterherriefen, ließ der an sich abtropfen wie Fischöl am Dosenbückling.
    Lotte kletterte noch mal von ihrem Kutter und überreichte dem Kommissar eine Tüte mit frisch eingewickelten Fischbrötchen.
    »Hier hefft ji noch’n bäten Makreel. Ik weet doch, wat juch smeckt.«
    »Danke, Lotte. Und bis bald.«
    »Tschüss, Jungens, und schön Vadderdag!«
    »Tschüss, Lotte. Und gutes Gelingen.«
    Beim Einstieg in unseren Dienstwagen sah ich noch den ersten festlich geschmückten Bollerwagen mit einem Trio mächtig schwankender Kerle vor dem Fischkutter haltmachen. Mit einem großen »Ahoi« prosteten sie Lotte mit ausschweifenden Armbewegungen und schweren Ein-Liter-Bügelflaschen zu und verlangten lautstark nach einer fischigen Grundlage für ihren anstehenden feuchtfröhlichen Marsch durch Gottes schöne Natur.
    Lottes Geschäft sollte heute brummen, als wäre nichts geschehen.
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