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Der gefangene Stern

Der gefangene Stern

Titel: Der gefangene Stern
Autoren: Nora Roberts
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1. KAPITEL
    E r hätte sein Leben für ein Bier gegeben. Ein großes, eiskaltes Glas Bier würde jetzt besser schmecken als der erste Kuss einer Frau. Ein Bier in einem netten dunklen Pub, ein nettes Baseballspiel im Fernsehen und ein paar Gäste, die sich dafür interessierten.
    Solchen Fantasien hing Jack Dakota nach, während er vor der Wohnung der Frau wartete. Er stellte sich die Schaumkrone vor, den Hefegeruch, den ersten herrlich tiefen Schluck und danach den bedächtigen, langsamen Genuss. Es gäbe deutlich weniger Probleme auf der Welt, dachte er, wenn Politiker ihre Konflikte bei einem kühlen Bier in einem Pub regeln würden.
    Noch war es etwas früh für ein Bier, gerade mal ein Uhr mittags. Aber die Hitze draußen war fast unerträglich, und Mineralwasser hatte kaum denselben erfrischenden Effekt. Sein uralter Straßenkreuzer, ein Oldsmobile, besaß keine Klimaanlage. Im Grunde besaß der Wagen überhaupt keine Annehmlichkeiten außer der teuren Stereoanlage, die er selbst eingebaut hatte und die doppelt so viel wert war wie das ganze Auto. Aber ein Mann brauchte einfach seine Musik. Wenn Jack durch die Straßen fuhr, liebte er es, die Stones oder die Beatles bis zur Schmerzgrenze aufzudrehen.
    Doch da er gerade in einer ruhigen Wohngegend im nordwestlichen Washington D. C. parkte, ließ er die Anlage nur leise laufen. Er summte einen Titel von Bonnie Riatt mit, die einzige Musik nach 1975, die er mochte.
    Jack war der Ansicht, in der falschen Zeit zu leben. Er hätte einen prächtigen Ritter abgegeben. Einen schwarzen Ritter. Ihm gefiel die gradlinige Einstellung, die da lautete: Der Stärkere hat recht. Er hätte dem guten alten Arthur sicherlich die Treue gehalten. Auch wenn er Camelot auf seine eigene Weise geführt hätte. Regeln machten das Leben viel zu kompliziert.
    Im Wilden Westen wäre er auch gut zurechtgekommen. Er hätte Schurken jagen können, ohne vorher blöden Papierkram auszufüllen, und sie dann tot oder lebendig in den Knast gebracht.
    Heutzutage nahmen die sich einfach einen Anwalt – oder bekamen sogar einen vom Staat gestellt! Und am Ende entschuldigte sich der Richter noch bei ihnen. Tut mir furchtbar leid, Sir, Sie haben zwar vergewaltigt, geraubt und gemordet, aber das ist noch lange kein Grund, Ihnen Ihre kostbare Zeit zu stehlen und gegen Ihre Bürgerrechte zu verstoßen.
    Dieses Land war wirklich in einem traurigen Zustand.
    Das war einer der Gründe, warum Jack kein Polizist geworden war – obwohl er mit Anfang zwanzig durchaus mit dieser Idee gespielt hatte. Gerechtigkeit war ihm wichtig, war es immer gewesen. Doch die Gesetze und Vorschriften der heutigen Zeit erschienen ihm nicht besonders gerecht.
    Darum war er ein moderner Kopfgeldjäger geworden.
    So konnte er ebenfalls die bösen Jungs jagen, aber auf eigene Faust und Rechnung und ohne sich mit lästiger Bürokratie herumzuschlagen. Natürlich gab es nach wie vor Gesetze, aber ein kluger Mann wusste sie geschickt zu umgehen. Und Jack war ein kluger Mann.
    Die Unterlagen über seinen aktuellen Fall steckten in seiner Tasche. Ralph Finkleman hatte ihn um acht Uhr morgens angerufen. Ralph gehörte zu den Menschen, die sich ständig Sorgen machten und zugleich optimistisch waren – diese merkwürdige Mischung war vermutlich Voraussetzung für jemanden, dessen Job es war, Kautionsgelder an Wildfremde zu verleihen. Ralph stellte für Kleinkriminelle, die bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt wurden, die Kaution. Gegen eine anständige Gebühr natürlich. Jack hatte nie verstanden, wie man auf die Idee kam, vollkommen fremden Menschen Geld zu leihen, noch dazu Kriminellen.
    Aber so ließ sich natürlich jede Menge Kohle verdienen, und das reichte wohl als Motivation.
    Jack war gerade erst aus North Carolina zurückgekommen, wo er für Ralph einen hirnlosen Ladendieb aufgestöbert und zurück ins Gefängnis gebracht hatte. Ralph hatte die Kaution hinterlegt und ernsthaft geglaubt, dass der Kerl zu dumm wäre, um abzuhauen.
    Jack hätte ihm sagen können, dass der Kerl zu dumm war, um nicht abzuhauen. Aber er wurde schließlich nicht dafür bezahlt, kluge Ratschläge zu geben.
    Eigentlich hatte er sich nach dem letzten Auftrag ein wenig erholen wollen. Er hatte überlegt, sich ein paar Baseballspiele anzuschauen oder eine seiner weiblichen Bekanntschaften anzurufen, damit sie ihm dabei half, sein Honorar unter die Leute zu bringen. Doch Ralph hatte ihn dermaßen angefleht, den Fall zu übernehmen, dass er ein Nein

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