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Tortenschlacht

Tortenschlacht

Titel: Tortenschlacht
Autoren: Oliver G Wachlin
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Siegerjustiz. Da wollen uns einige hängen sehen.«
    »So wie Jan Fridolin Arndt hängen musste?«
    Siggi guckt mich verständnislos an. »Wovon redest du?«
    »Werner von Lahn konnte nicht wissen, dass es Kopien von den Akten gibt«, erkläre ich ihm, »er vermutete den Urheber deiner erpresserischen Schreiben in Arndt. Dem Einzigen, der noch von der Sache mit Rosemarie unmittelbar betroffen war. Aber Arndt war unschuldig.« Ich sehe Siggi an. »Deine Erpresserbriefe haben einem völlig Ahnungslosen das Leben gekostet.«
    »Ehrlich?« Siggi wirkt betroffen.
    »Dafür trägst du die Verantwortung.«
    »Nee«, Siggi schüttelt entschieden den Kopf. »Schuld ist der Mörder. Was kann ich dafür, dass …«
    Er kommt nicht mehr zum Sprechen, denn die Tür zu unserem Verschlag wird aufgerissen. Drei Autonome mit Gasmasken stürzen herein und faseln was von Geiseln.
    Ohne mich. Ich springe den mir am nächsten Stehenden an, auf dass er zu Boden geht, und renne drauflos.
    Raus hier, denke ich, nur raus hier!
    Die beiden anderen Punks rennen mir nach. Auch Siggi rappelt sich auf und folgt.
    Oben herrscht totales Chaos: Nebel, Feuer, Rauch! In der Hofeinfahrt steckt ein Räumpanzer fest und brennt. Das Pflaster ist aufgerissen, um Steine zum Werfen zu haben.
    »Stehen bleiben!« Plötzlich hat einer der Gasmaskenpunks wieder Siggis Waffe in der Hand und gibt einen Warnschuss ab. Augenblicklich bleibe ich stehen und hebe die Arme hoch.
    »Bist du verrückt, das ist mein Vater!«, kreischt Melanie und nimmt dem Punk die Makarow ab.
    »Waffe weg, Melanie!«, brülle ich, doch zu spät: Schon sind überall Polizisten. Hinter ihren Plexiglasschilden junge Gesichter, gerade zwanzig Jahre alt. Auch sie haben Angst. Feuer, Qualm und ätzender Gasgestank erschweren die Orientierung. Und ein frisch ausgebildeter Bundesgrenzschützer sieht die Pistole in Melanies Hand und zieht seine Waffe!
    »Melanie«, brüllen Siggi und ich gleichzeitig und stürzen uns auf das Mädchen. Schon fällt der Schuss.
    Melanie kreischt auf. Wir liegen auf dem Boden.
    »Alles in Ordnung?« Ich schüttele sie. »Verdammt, ist alles in Ordnung?«
    Um uns herum Polizeisirenen, das Dröhnen der Räumpanzer und Wasserwerfer, platzende Tränengasgeschosse, Schreie und explodierende Brandflaschen – das ganze Getöse entfesselter Gewalt …
    Und irgendwo schreit jemand verzweifelt nach einem Arzt.

EPILOG
    Zwei Wochen nach der polizeilichen Räumung des Helmholtzplatzes erscheint der Berliner Tagesspiegel mit einer sensationellen Titelgeschichte und löst so den ersten Skandal des wiedervereinten Deutschland aus. Es geht um die illegale Verschiebung von ehemaligem Stasivermögen in der Wendezeit. Über zwanzig Millionen Valutamark sollen durch dubiose Transfers ins Ausland verbracht und mit Immobiliengeschäften reingewaschen worden sein, um sie so dem Zugriff der Bundesrepublik zu entziehen, der das Geld eigentlich nach dem Einheitsvertrag zugestanden hätte. Hintermänner der Aktion seien Ullrich C., ein ehemaliger Offizier der Nationalen Volksarmee, der Westberliner Geschäftsmann Julian B. und der Chef der Immobilienfirma DOMIZIL , Siegbert M.
    Verfasst wurde der viel beachtete Artikel von der bis dahin unbekannten freien Journalistin Monika Droyßig.
    Während der Offizier und der Geschäftsmann bereits verhaftet wurden und sich in Kürze einer gerichtlichen Verhandlung stellen müssen, wird der Dritte im Bunde, Siegbert M., haftunfähig im Benjamin-Franklin-Klinikum zu Berlin-Steglitz stationär behandelt.
    »Warum tut sie mir das an?!«, ruft er verzweifelt und zerknüllt wütend die Zeitung. »Was hab ich ihr getan? Ich habe ihr einen Job besorgt, einen Dienstwagen, sie hätte Karriere machen können! Zusammen hätten wir es bis nach ganz oben geschafft. Und was tut sie? – Sie verrät alles!«
    Fast tut er mir leid. Ich bin ihm sogar dankbar, denn durch seinen körperlichen Einsatz hat er Melanie während der Räumung des Helmholtzplatzes das Leben gerettet. Als der junge Bundesgrenzschützer auf das Mädchen schoss, weil er sich durch dessen Waffe bedroht sah, hat sich Siggi beherzt in die Schussbahn geworfen und so die Kugel abgefangen.
    Ja, denke ich, in jener fürchterlichen Nacht mag er tatsächlich zum Vater des Kindes geworden sein. Fortan wird sich Melanie daran gewöhnen müssen, »zwei unmögliche Väter« zu haben. Armes pubertäres Mädchen! Andere haben schon mit einem genug.
    Immerhin sind die frischen Blumen auf dem Tisch neben Siggis

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