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Titan - 2

Titan - 2

Titel: Titan - 2
Autoren: Heyne SF Classics
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A RTHUR C. C LARKE
H IRTEN DER T IEFE
    In den Weidegründen trieb sich ein Mörder herum. Eine Hubschrauberpatrouille hatte fünfhundert Meilen vor Grönland den gewaltigen Kadaver des Opfers entdeckt, der in einer dunkelroten Blutwolke auf den Wogen schaukelte. Binnen Sekunden war das komplexe Warnsystem in Gang gesetzt: Auf der Nordatlantikkarte wurden Kurse festgesetzt und Entfernungen gemessen – und Don Burley rieb sich den Schlaf auf den Augen, während er bereits auf zwanzig Faden hinuntertauchte.
    Das Muster grüner Lichter auf dem Instrumentenbord war ein leuchtendes Symbol der Sicherheit. Solange sich dieses Muster nicht veränderte, solange keiner dieser Smaragdsterne plötzlich rot aufblitzte, so lange war alles in Ordnung mit Don und seinem winzigen Boot. Luft – Treibstoff – Energie: dies war das Triumvirat, das sein Leben hier unten beherrschte. Eine Fehlfunktion hierbei, und er würde in einem Stahlsarg hinunter in den Schlamm des Ozeanbodens sinken, wie es mit Johnnie Tyndall in der vorletzten Saison geschehen war. Aber es gab keinen Grund für irgendwelche Fehlfunktionen, und, wie Don sich zur Beruhigung des öfteren vor Augen hielt, die Unfälle, die man voraussah, passierten erst gar nicht.
    Er beugte sich über die schmale Instrumentenkonsole und sprach ins Mikrofon. U-Boot 5 befand sich noch nahe genug beim Mutterschiff, daß er sich per Funk verständigen konnte; bald würde er jedoch auf Soncom umschalten müssen.
    »Kurs 255, Geschwindigkeit 50 Knoten, Tiefe 20 Faden, Sonar eingeschaltet… Geschätzte Fahrzeit bis Zielgebiet 70 Minuten… Melde mich in 10-Minuten-Intervallen. Das ist alles. Ende und aus.«
    Die Bestätigung kam bereits etwas abgeschwächt von der Hermann Melville herein.
    »Nachricht empfangen und verstanden. Gute Jagd. Was ist mit den ›Hunden‹?«
    Don kaute nachdenklich an seiner Unterlippe. Dies würde vielleicht ein Fall werden, den er allein erledigen mußte. Er hatte keine Ahnung, wo – in einem Umkreis von fünfzig Meilen – sich Benj und Susan im Augenblick befanden. Sie würden ihm natürlich folgen, wenn er ihnen Signal gab, aber sie konnten mit seiner Geschwindigkeit nicht mithalten und würden rasch zurückbleiben. Außerdem bekam er es vielleicht mit einem ganzen Rudel Mörder zu tun, und das letzte, was er sich wünschte, war, seine gutgeschulten Delphine in Gefahr zu bringen. Es war einfach eine vernünftige wirtschaftliche Überlegung – aber darum ging es ihm weniger. Er hatte Susan und Benj einfach gern.
    »Es ist zu weit, und ich weiß nicht, in was ich da hineingerate«, antwortete er deshalb. »Falls sie im Abfanggebiet sind, wenn ich es erreiche, werde ich sie vielleicht herbeipfeifen.«
    Die Antwort vom Mutterschiff war jetzt kaum mehr hörbar, und Don schaltete das Gerät ab. Es wurde Zeit, sich umzusehen.
    Er dämpfte die Kabinenbeleuchtung, so daß er den Suchschirm deutlicher sah, setzte die Polaroidbrillen auf und spähte in die Tiefe. Dies war der Augenblick, da Don sich immer wie ein Gott vorkam, der einen zwanzig Meilen weiten Kreisausschnitt des Atlantik in Händen zu halten vermochte, der in noch unerforschte Tiefen blinken konnte, dreitausend Faden unter die Oberfläche. Der langsam rotierende Strahl unhörbaren Schalls durchdrang die Welt, in der er schwebte, und holte Freund wie Feind aus der ewigen Dunkelheit hervor, die kein Lichtstrahl je erreichte. Das Muster der Ultraschallimpulse – zu hoch selbst für das Gehör von Fledermäusen, die das Sonarprinzip Millionen Jahre, bevor der Mensch das Echolot erfand, verwendet hatten – verbreitete sich durch die Wassernacht: schwache Echos kamen zurück, blitzten als grünblaue Lichtpunkte auf dem Schirm auf.
    Aus langer Übung konnte Don ihre Aussage mühelos interpretieren. Tausend Fuß tiefer dehnte sich die Streuungsschicht bis an den Rand seines künstlichen Horizonts aus – ein Teppich von Leben, der die halbe Welt bedeckte. Diese Weidegründe der Tiefe hoben sich und sanken wieder ab, in einem täglichen Rhythmus, lagen aber immer etwas oberhalb jener tieferen Schichten, bis zu denen kein Sonnenstrahl mehr durchdrang. Diese dunklen Abgründe gingen ihn nichts an. Die Herden, die er hütete, und die Feinde, die unter ihnen wüteten, hielten sich in den oberen Schichten des Ozeans auf.
    Don legte den Schalter der Niveauwahl um, so daß sich der Sonarstrahl auf die Horizontebene konzentrierte. Die schimmernden Echos aus der Tiefe verschwanden, aber er konnte nun deutlicher

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