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Shadow Touch

Titel: Shadow Touch
Autoren: Marjorie M. Liu
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atmete bebend ein. »Und ich bezweifle, dass du dich noch besser ausdrücken könntest.«
    Er küsste sie. Im selben Augenblick flog die Tür auf. Graves
    kam herein, in Begleitung der beiden Schläger aus dem Flur. Sie starrte die Leichen auf dem Boden an. Ein Schrei entrang sich ihr, ein entsetzter, heiserer und erstickter Schrei.
    »Nein!«, kreischte sie und schlug sich mit der Faust auf den Hinterkopf. »Nein, nein, nein.« Ihr ganzer Körper zitterte unter diesen ungelenken Schlägen; Schweißperlen rollten ihr über das Gesicht, das sich, zu einem verlorenen, fast wahnsinnigen Ausdruck verzerrt hatte. Es erinnerte Elena daran, wie sie in einem Krankenhaus einmal Zeuge eines psychotischen Schubes geworden war, bei einem Drogensüchtigen während eines Entzugs.
    Graves zog eine Pistole aus ihrer Jacke und zielte auf sie. Ihre Hand zitterte. Artur schob Elena hinter sich.
    »Warum?«, schrie sie. Speichel flog aus ihrem Mund. Ihre Hand zitterte. Die Männer hinter ihr wirkten eingeschüchtert. »Warum haben Sie das getan?«
    Weil sie es beide verdient haben, dachte Elena und fühlte Arturs schweigende Zustimmung. Trotz seiner früheren Bedenken war er ausgesprochen pragmatisch veranlagt, wenn es Zeit zum Handeln wurde. Sie fühlte, wie seine Liebe sie durchströmte, sie bis in ihre Seele hinein erwärmte. Da schien es ihr, als könnte Graves ruhig feuern; nichts konnte sie berühren, gar nichts, weil sie zusammen einfach zu stark waren.
    Schüsse fielen. Elena und Artur zuckten zusammen, aber sie fühlten keinen Aufprall. Die Männer hinter Graves stürzten zu Boden, und einen Moment später sank auch Graves herunter; immer noch schreiend und fast verrückt vor Trauer. Dann kehrte Stille ein. Die Waffe glitt ihr aus den Fingern.
    Ein Mann und eine Frau tauchten in der Tür auf, noch bevor Artur die Waffe aufheben konnte. Elena erkannte sie, vermutete aber, dass all diese Gewalt ihre Wahrnehmung verzerrte. Das musste ein Produkt ihrer Einbildung sein.
    »Sie!«, stieß sie wie betäubt hervor. »Das amerikanische Paar. Sie waren im Zug.«
    Die zwei Amerikaner aber wirkten jetzt gar nicht mehr süß und überschäumend. Sie hatten beide Pistolen in den Händen und hielten sie mit der Gelassenheit langjähriger Erfahrung. Ihre Kleidung war einfach, bequem und dunkel.
    »Was hat das zu bedeuten?« Artur stand immer noch über die Waffe gebückt da. Der Mann, Fred, falls er wirklich so hieß, bedeutete ihm, sie aufzuheben. Artur tat es, und Elena fühlte seine Erleichterung, wieder eine Waffe in der Hand zu halten. Und sie spürte auch seine Verwirrung, dass man es ihm erlaubt hatte, sie aufzuheben.
    »Wir wollen Ihnen nichts tun«, sagte die Frau und ließ ihre Waffe langsam sinken. Fred folgte ihrem Beispiel. »Wenn es Ihnen beiden gut geht, verschwinden wir hier. Alle anderen in diesem Haus sind neutralisiert worden. Sie sollten in Sicherheit sein.«
    Elena traute sich nicht, etwas zu sagen. Artur ging es ganz ähnlich. Ih r e Gedanken vermischten sich, Fragen blitzten auf, Möglichkeiten, Theorien, und trotzdem kam nichts dabei heraus. Nur Verwunderung. Es war einfach zu viel. Wie viele Menschen waren eigentlich in ihre Leben verwickelt?
    »Nicht so viele«, antwortete Fred. »Ich glaube, die Frage lautet eher, in wie viele Leben Sie verwickelt sind.«
    »Oh, nein.« Elena schloss die Augen. »Nicht noch ein Gedankenleser. «
    Die Frau sah Fred scharf an, woraufhin er nur mit den Schultern zuckte. Sie schienen sich kurz miteinander zu verständigen, auf dieselbe Art, in der auch die Kommunikation zwischen Elena und Artur stattfand, die hauptsächlich aus dem Erstaunen darüber bestand, dass sie erneut von der Tatsache überrascht waren, wie viele mehr von »ihrer Art« existierten, als sie, vor allem Elena, je für möglich gehalten hätte.
    »Warum tun Sie das?«, erkundigte sich Artur. »Wer hat Sie geschickt?«
    Fred, der aussah, als hätte er gerade einen strengen Rüffel bekommen, deutete auf die Frau. Sie sah ihn noch einmal strafend an. »Wir wurden aufgefordert, zunächst Ihr Verschwinden zu ergründen und Sie dann, sobald wir Sie gefunden hätten, zu beschatten und Ihr Leben zu beschützen. Als Schutzengel sozusagen, seit wir Sie in Wladiwostok gefunden hatten. Wir haben unsere Quellen benutzt, um Charles Darling abzulenken und daran zu hindern, Sie nach dem Zwischenfall in Khabarovsk einzuholen. Nachdem wir jedoch Moskau erreichten, wurde es schwieriger, Ihnen zu folgen. Wir haben uns aufgeteilt. Fred

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