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Shadow Touch

Titel: Shadow Touch
Autoren: Marjorie M. Liu
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Prolog
    Kurz bevor man ihr einen Betäubungspfeil in den Rücken feuerte, ihren Körper halb eingedämmert auf eine Liege zerrte und sie von stummen Männern in weißen Kitteln aus dem Krankenhaus entführt werden sollte, stand Elena Baxter am Fußende des Bettes, in dem ein sterbendes Kind lag. Sie hielt den kleinen Fuß in ihrer Hand und versuchte, ein Wunder zu wirken.
    Darin war sie ziemlich gut. Wunder praktizierte sie schon ihr ganzes Leben lang, und jetzt, mit achtundzwanzig Jahren, war sie recht bewandert darin, merkwürdige und wundervolle Dinge zu tun.
    Der Name des Kin des war Olivia McCoy. Das Mädchen war acht Jahre alt und hatte einen Gehirntumor, der bereits gegen ihre Schädeldecke drückte. Konventionelle Behandlungsmethoden hatten das unausweichliche Ende bislang nur hinausgezögert und Olivias Qual auch noch verschlimmert; dennoch vermochten ihre Eltern, Mr. und Mrs. McCoy, sie nicht einfach gehen zu lassen und hatten ihre Tochter ins Kinderkrankenhaus von Milwaukee gebracht. Das war ihre letzte Hoffnung. Das Krankenhaus stand in dem Ruf, großartige Erfolge im Kampf gegen Krebs bei Kindern zu erzielen, und während sich die Ärzte gegenseitig dafür auf die Schultern schlugen, begleitete ein leichtes Unbehagen ihre Triumphe.
    Denn sie wussten schlicht nicht, warum alle diese Kinder auf ihrer Station genasen. Keine einzige Statistik ließ eine solche Häufung von Wundern zu.
    Elena dagegen, die als ehrenamtliche Freiwillige im Krankenhaus arbeitete, wunderte sich keineswegs darüber.
    Heute musste sie Stuhlproben und Blutplasma verteilen, hetzte durch die einzelnen Abteilungen, nahm die Bestellungen der Krankenschwestern entgegen, die Krankenblätter benötigten, Patienten verlegen und Schweinereien beseitigt haben wollten. Aus Boutiquen sollten Blumen geliefert, Karten für die Vergesslichen und nicht ganz so Liebevollen unterschrieben werden. Den Sterbenden mussten freundliche Worte zugeflüstert und Hände sollten gehalten werden, um wenigstens einen kurzen Augenblick des Trostes zu spenden. Die Patienten jeden Alters liebten Elena. Sie sorgte dafür, dass sich die Menschen gut fühlten, selbst wenn sie nicht wussten, woran das lag.
    Das war auch den Schwestern, Pflegern und Ärzten bekannt - was Elena, wie sie vermutet hatte, eine gewisse Bewegungsfreiheit gewährte. Sie konnte in die Patientenzimmer gehen und dort eine Weile unbeaufsichtigt herumsitzen. Den Kindern gefiel es, wenn sie ihnen etwas vorlas, vor allem, wenn ihre Eltern arbeiten, Besorgungen erledigen oder einfach schlafen mussten. Olivia zum Beispiel liebte Geschichten von der alten Frau, die den Dingen Namen gab, oder die Geschichte von dem kleinen Kätzchen, das so laut miauen konnte. Elena rührte das kleine Mädchen wirklich.
    Weshalb es auch Zeit für ein Wunder war, dachte sie, als Olivia fest schlief, während ein riesiger Stapel mit Büchern neben ihr auf dem Nachttisch lag. Aufgrund ihrer Erfahrung und dessen, was sie belauscht und Olivias Krankenakte entnommen hatte, schlug die Behandlung nicht gut an. Das Mädchen würde innerhalb einer Woche sterben. Bei Kindern brachte Elena es nicht über sich, Auswahlkriterien anzulegen. Jedes junge Leben musste gerettet werden.
    Olivias Fuß war kalt, ihr Körper ausgezehrt. Sie schlief un-ruhig, wies die erschöpfte Blässe der Sterbenden auf. Es war ein leichter Schlaf, als wüsste ihr Geist bereits, dass das Ende nah war - und als hätte er Angst, nie wieder aufzuwachen.
    Krebs hinterließ immer einen unangenehm pelzigen Beigeschmack in Elenas Mund, wie eine unreife Dattelpflaume. Keine andere Krankheit löste eine ähnliche Reaktion in ihr aus. Elena hielt den Fuß des kleinen Mädchens fest und -drang durch diesen Kontakt in ihren sterbenden Körper ein. Olivias Geist fühlte sich älter an, als sie an Jahren zählte: wie eine Mumie, trocken und spröde.
    Elena glitt wie ein Geist durch das Kind, spielte ihr Spiel der Inbesitznahme. Sie hauchte dem Kind ein Bild der Gesundheit ein, aufmunternd und drängend, ein sanftes Heile dich selbst, begrabe es. Denn Olivia besaß alles, was sie brauchte: Schutzmechanismen, die es jedem Menschen ermöglichten, selbst den bösartigsten Tumor wirksam zu bekämpfen. Diese natürlichen Selbstheilungskräfte der Menschen waren erstaunlich, allerdings nur, wenn der Körper lange genug aufgerüttelt wurde, um sie auch nutzen zu können. Elena war sehr geschickt darin, Menschen aufzurütteln.
    Dennoch brauchte es Zeit. Olivias Körper war sehr

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