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Ostsee-Storys

Ostsee-Storys

Titel: Ostsee-Storys
Autoren: Michael Augustin
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Kraken
    Als kleiner Junge hatte ich den Kopf voller Schiffe. Sie hießen, wie die Schiffe hießen, die ich von der Mole in Travemünde fast täglich sehen konnte wenn sie ein- oder ausliefen: Drottning Victoria , Nordland , Nils Holgersson , oder es handelte sich um hölzerne Fantasiesegler, auf denen Vitalienbrüder, Likedeeler, Seeräuber, Piraten und andere Kaperfahrer sich das Ruder in die Hand gaben; üble Gesellen miesesten Zuschnitts mit Augenklappen, schwarzen Zähnen und Holzbeinen. Burschen, aus deren Ärmeln anstelle der Hände eiserne Haken hervorlugten. Am meisten aber beschäftigte mich ein ganz spezieller Schiffstyp, von dem ich immer mal wieder ein Exemplar vor Augen bekam: Weit draußen lag manchmal so eines auf der östlichen Seite des Fahrwassers.
    Von meinem Vater kannte ich den Namen: Kraken hießen diese grauen Schiffe und gehörten zur ostzonalen Volksmarine. Und von meinem Vater wusste ich auch, warum und worauf so eine Krake da draußen lauerte. Die Besatzung hatte es auf Flüchtlinge abgesehen, die in Gummibooten, besegelten Nussschalen oder als simple Schwimmer ihr Glück versuchten und – den Leuchtturm von Travemünde schon vor Augen – auf den letzten Metern in die Fänge der Krake gerieten oder vielleicht sogar einfach versenkt wurden, ohne Gnade! Auf Befehl des Spitzbarts, sagte mein Vater. Ein paar Jahrzehnte später, auf dem Weg zu einer Lesung am Rande von Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, stellte sich heraus, dass der Mann, der mein Taxi lenkte, einstmalen zur Besatzung einer Krake gehört hatte. Er hielt sogar unterwegs an, lief um den Wagen herum und holte aus dem Kofferraum ein abgegriffenes Fotoalbum, in dem er zu sehen war – als junger Mann in Uniform an Deck. Er konnte es kaum fassen, dass ich seine Krake wahrscheinlich höchstpersönlich gesehen hatte von der Travemünder Mole aus, während er selber von Bord der Krake die Travemünder Mole im Visier hatte! So begeistert war er davon, dass er mir die Hälfte der Taxi-Rechnung erließ. Ahoi, sagte er zum Abschied, und ich sagte das auch.



Sand
    Als Fünfjähriger hatte ich ein zärtliches Verhältnis zum Travemünder Sand, jedenfalls so lange, wie meine damals noch nonverbal kommunizierende Schwester darauf verzichtete, mir ohne jede Vorwarnung eine Handvoll davon ins Gesicht zu pfeffern, was hin und wieder vorkam, meist grundlos, aber manchmal, das sei zugegeben, handelte es sich bei solchem Tun um einen durchaus berechtigten Akt der Selbstverteidigung im Sinne der Haager Landkriegsordnung.
    Meine innige Liebe zum Sand am Strand von Travemünde rührte von einem weltanschaulichen Missverständnis her: Ich war nämlich fest davon überzeugt, dass es sich bei den winzigen Steinchen, aus denen der Sandstrand, vom Muschelkalk abgesehen, besteht, um die klitzekleinen Kinder bzw. Enkelkinder der größeren und ganz großen Steine handelt, wie ich sie etwa zu Füßen der Steilküste am Brodtener Ufer zu Gesicht bekommen hatte. Anders ausgedrückt: Ich glaubte, diese kleinen Steinchen würden im Laufe der Zeit immer größer werden, also Jahr um Jahr an Umfang zunehmen, bis sie schließlich die Größe eines Wackersteins oder Findlings erreicht hatten. Mein bester Freund, Wolfhard von Thienen, dessen älterer Bruder sogar schon zur Schule ging, war, meine ich, der Erste, der in dieser Angelegenheit ein Körnchen Zweifel säte. Als ihm dann auch noch Maikie Willnow beipflichtete und ausgerechnet Bernd Ganenz mir sogar einen Vogel zeigte und laut drauflosprustete, nahmen die Zweifel überhand, so dass ich mich ohne Umschweife Hilfe und Klarheit suchend an meine Mutter wandte, die mir zwar tatsächlich Klarheit verschaffte – aber die erwartete Hilfe war es nicht.
    So saß ich also später da am Strand, ganz allein Gott sei Dank, unbeobachtet, und ließ den feinen kristallinen Sand durch meine Finger rinnen, wie eine überholte Weltanschauung.



Auf dem Eis
    Seit ich als kleiner Junge davon erfuhr, dass meine beiden Urgroßeltern aus Jogauden auf der Flucht aus Ostpreußen über das zugefrorene Frische Haff mit Pferd und Wagen eingebrochen und umgekommen, wahrscheinlich also im eisigen Wasser zwischen Festland und Nehrung ertrunken sind, habe ich bis auf den heutigen Tag nie wieder eine Eisfläche – und sei sie noch so klein – betreten können, ohne an diese beiden, denen ich ja persönlich nie begegnet bin, denken zu müssen.
    Als ich einmal mit meiner damals etwa fünfjährigen Tochter über die Eisfläche des zugefrorenen

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