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Nichts

Nichts

Titel: Nichts
Autoren: Ben Louis
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Leitung. Und da zum Besitz des ADE zahlreiche Immobilien gehören, welche den führenden Mitarbeitern als Sonderleistung angeboten werden, können wir es uns leisten in einem Haus zu wohnen, das ansonsten weit über unseren finanziellen Möglichkeiten liegt. Nicht das man mich schlecht entlohnen würde. Mit einem Jahresgehalt von zweihundertfünfundzwanzigtausend Dollar können wir ein absolut sorgenfreies Leben führen, keine Frage. Dennoch, für eine Viermillionen-Dollar-Villa in Lake Forrest würde mein Einkommen niemals ausreichen. Unsere hochgeschätzte Nachbarschaft spielt nämlich in einer weit höheren Einkommensliga.
       Das ist dann auch der Grund, warum Julie und ich uns in einem kleinen Haus sehr wohl fühlen. Klein passt einfach besser zu unserer Lebensart. Wir kümmern uns um den Garten noch persönlich, wie ich immer sage.
       In Wirklichkeit ist es natürlich Julie die das macht. Ich selbst hab eher zwei linke Hände. Mit der hier verwurzelten Upperclass und ihrem Lebensstil jedenfalls, haben wir beide nichts am Hut.
      
    Unangemessen klein für die Gegend ist unser Häuschen übrigens nur deshalb, weil die ADE das Grundstück bereits besaß, als Wohlhabende mit ihren Füßen noch annähernd den Boden berührten. Es wurde irgendwann Ende der Fünfziger gebaut und war – da bin ich mir sicher – zu jener Zeit ein absoluter Blickfang. Doch die Zeiten haben sich seitdem geändert. Charme ist heutzutage nicht mehr gefragt. Was jetzt zählt ist Pomp . Und so wurden die alten Häuser im Laufe der Jahrzehnte mit jedem Eigentümerwechsel abgerissen und durch immer größere ersetzt.
       Nur unseres nicht.
       Zum Glück nicht. Allerdings muss ich zugeben, dass gerade dieser Pomp es ist, der uns eine gewisse Sicherheit schenkt. North Shore verfügt über ein eigenes Polizeirevier, welches aufgrund von Spenden seiner wohlhabenden Bürgerschaft hervorragend ausgestattet ist. Daher wird man nach Obdachlosen oder dunklen Gestalten hier vergebens suchen.
       Man kann den Stadtteil tatsächlich nur unter den wachsamen Augen unserer Police-Officer betreten. Allerdings, sehen kann man die Sheriffs nie. Ihre glänzend polierten Dodge Chargers tragen nämlich alle eine Tarnkappe und sobald ein Mittelklassewagen älteren Baujahrs die Stadtgrenze überfährt, auch nur, um seine ortsfremden Insassen irgendwie an den See zu bringen, blitzt völlig unerwartet ein Feuerwerk aus Headlight Flashern auf. Ein kurzes Uuhjuip macht dem Fahrer deutlich, schnellstmöglich an den Straßenrand zu driften und so freundlich wie nur möglich zu lächeln. 
       Natürlich ist das angenehm und wir wissen es auch zu schätzen, trotz erwähnter Vorbehalte gegenüber unseren Nachbarn, welche, da bin ich mir sicher, auf Gegenseitigkeit beruhen.
       Die Vorbehalte, meine ich.
     
    In den drei Jahren seit wir in Chicago leben, hat sich die Stadt um unser Nobelviertel herum jedoch sehr verändert.
       Noch 2011 konnten Julie und ich am Wochenende ohne Bedenken durch Downtown schlendern. Das hatte sich dann überraschend schnell geändert. Auch wenn die meisten Leute in jener Zeit noch fest daran glaubten, mit den beiden vorangegangenen Wirtschafts- und Währungskrisen die schlimmsten Seiten des Lebens gesehen zu haben, so sollten sie recht bald eines besseren belehrt werden. Die große Hoffnung unserer Welt - der vor kurzem unter mysteriösen Umständen verstorbene Messias-Präsident , wie ihn die Leute nannten - war trotz aller Bemühungen nicht in der Lage gewesen zu verhindern, dass sich Werksschließungen, Arbeitslosigkeit und Armut wie ein Flächenbrand ausbreiteten. Die wenigen, die noch in Lohn und Brot standen, mussten vielerorts schmerzhafte Gehaltskürzungen akzeptieren.
       Wir alle müssen zusammenstehen!
       Nur gemeinsam könnten wir die Probleme bewältigen, hallte der politische Aufruf. Doch in den dann folgenden Jahren schwand die öffentliche Bereitschaft für Opfergaben mehr und mehr. So entstand bis heute ein durchaus brisantes Klima.
       Und nun ist es soweit, dass ich mich nach Sonnenuntergang nicht mehr über die Grenzen von North Shore hinauswage.
       Aber vielleicht liegt das auch eher an mir selbst als an der tatsächlichen Stimmungslage. Bin von Natur aus Pessimist und daher grundsätzlich skeptisch. Bisher ist - für mich äußerst überraschend - noch alles weitgehend ruhig geblieben. Doch nur, wie ich vermutete, weil die Menschen mit den Fakten nicht vertraut sind. Fakten wie

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