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Nichts

Nichts

Titel: Nichts
Autoren: Ben Louis
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       »Mach ich. Bye Süße!«
     
    Mein Arbeitsplatz.
       Das Fermilab , wurde 1968 als National Accelerator Laboratory gegründet. Den Zusatz Fermi bekam es erst Mitte der Siebziger. Eine Huldigung an einen der bedeutendsten Kernphysiker und Nobelpreisträger des zwanzigsten Jahrhunderts, Enrico Fermi .
       Das Gelände, an dem ich gerade vorbeifahre, ist sehr groß und wirkt von hier aus tatsächlich wie ein gepflegter Park. Manchmal kann man sogar einige Bisons sehen. Ja, wirklich wahr.
       Zur Grundsteinlegung hatte man damals auf das Anwesen gleich noch eine kleine, gepflegte Herde von Amerikanischen Büffeln gepflanzt. Ein symbolischer Akt, mit dem man unsere Arbeit an den Grenzen der Physik wohl in ein Bild fassen wollte. Wir Amerikaner waren auch damals schon bestens dafür bekannt, Grenzlinien zu überschreiten.
       Irgendwie hat man die Bisons dann aber vergessen. Jedenfalls scheinen sie sich hier recht wohl zu fühlen. Sie vermehren sich immerhin so prächtig, dass die Verwaltung immer wieder ein paar von ihnen auswildern muss. So zumindest die offizielle Variante. Persönlich denke ich, dass sie zu leckeren Sandwiches verarbeitet werden.
       Auf jeden Fall empfinde ich persönlich Tierhaltung auf einem Firmengelände – auf diesem Firmengelände - für unangemessen, um es vorsichtig zu formulieren. Schaue ich nämlich aus dem rechten Fenster meines Wagens - was ich im Moment zu unterlassen versuche - dann blicke ich auf das Big Woods Wohngebiet. Es erstreckt sich auf gut zwei Kilometer entlang des Fermilab Geländes und ist seit Jahren völlig verwahrlost. Der Kontrast könnte nicht gewaltiger sein. Früher wohnten hier noch Familien der Chicagoer Mittelschicht in ihren kleinen aber sehr gepflegten Häuschen. Nun wüten dort Landstreicher und Kriminelle auf der Suche nach verwertbaren Sachen. Die Polizei hat längst aufgegeben das sich im Besitz der JPCamton Bank befindliche Areal halbwegs unter Kontrolle zu bringen. Ich bin jeden Morgen erleichtert, hier schadlos vorbeizukommen, endlich in die Main Entrance Rd. abbiegen zu können.
       Fenced Area !   
      
    »Guten Morgen Sir !« , begrüßt mich der Wachmann am ersten Checkpoint.
       Ich halte meinen Ausweis aus dem Fenster und er winkt mich durch. Nach dreihundert Metern folgt der zweite Kontrollpunkt. Dieser ist relativ neu, wurde erst vor gut zwölf Monaten eingerichtet. Seitdem muss man hier aussteigen.
       Während drei bewaffnete Sicherheitsbeamte mein Fahrzeug, einen schwarzen X1 Hybrid Geländewagen ,  untersuchen, beobachten weitere Beamte sowie zahlreiche Kameras das Szenario aus sicherer Entfernung. Nach gut fünf Minuten darf ich wieder einsteigen und weiterfahren.
       »Noch einen guten Tag Sir!«
       Mit einem Nicken lässt man mich höflich ziehen.
      
    Vor mir entfaltet sich in seiner ganzen Pracht unser High Rise - das sechzehnstöckige Hauptgebäude - welches architektonisch der Saint-Pierre-Kathedrale in Frankreich nachempfunden sein soll. Kann ich zwar nicht so recht erkennen, doch Architektur ist auch nicht zwingend mein Fachgebiet. In Wahrheit handelt es sich nur um einen typischen siebziger Jahre Betonbau, in dem rund zweitausend Menschen angestrengt ihrer Arbeit nachgehen.
       Obwohl Kathedrale andererseits - im Sinne von Kirchenpalast – doch recht gut passt. Letzten Endes suchen wir hier tatsächlich irgendwie nach Gott.
       Das eigentlich Interessante der Anlage aber kann man optisch nicht wahrnehmen; das Tevatron , den Main Injector und die zwei Detektoren CDF und DØ . Alles unter der Erde vergraben. Das Tevatron zum Beispiel ist – lässt man den ganzen technischen Kram mal weg - nichts anderes als eine Stahlröhre in Kreisform mit einem Umfang von sechseinhalb Kilometern. Mit dieser Röhre können wir Teilchen bis auf 980 GeV beschleunigen - damit kommt man der Lichtgeschwindigkeit bereits relativ nah - und lassen sie zusammenknallen.
       Als ich Leann, meiner Tochter, vor vielen Jahren einmal erklären wollte, was wir hier so treiben, fiel mir ein recht guter Vergleich ein, wie ich finde:
       Wenn man zwei Äpfel nähme, sie in unsere Röhre stecken würde und dann mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander prallen ließe, würde man für gewöhnlich denken es entstünde Apfelmus! So zumindest unsere alltägliche Erfahrung. Im Falle der kleinen Teilchen , mit denen wir hier arbeiten – in der Regel Protonen - passiert aber etwas völlig anderes. Bei

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