Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Mordgier

Mordgier

Titel: Mordgier
Autoren: Jonathan Kellerman
Ads
1
    Kat verstieß gern gegen die Regeln.
    Sprich nicht mit Fremden!
    Heute Nacht hatte sie mit einer Menge von ihnen gesprochen. Mit ein paar auch getanzt. Wenn man die Art, wie diese Loser sich bewegten, als Tanzen bezeichnen konnte. Die große, beängstigende Konsequenz: ein gequetschter Zeh, den sie einem Loser im roten Hemd zu verdanken hatte.
    Sei nicht dumm und trink alles durcheinander!
    Wie verhielt es sich dann mit einem Long Island Iced Tea, bei dem im Grunde alles zusammengeschüttet wurde und der den besten Schwips auf der Welt machte?
    Heute Nacht hatte sie drei gehabt. Plus die kleinen Gläser Tequila und das Brombeerbier und das Gras, das ihr der Typ in dem Retro-Bowlinghemd angeboten hatte. Ganz zu schweigen von dem … komm ich jetzt nicht drauf. Egal.
    Kein Alkohol am Steuer!
    Klar, toller Plan. Was sollte sie heute Nacht machen? Vielleicht einen dieser Loser ihren Mustang nach Hause fahren lassen?
    Der Plan hatte so ausgesehen, dass Rianna sich auf zwei Drinks beschränkte und die Frau am Steuer war, damit Kat und Bethie ordentlich einen draufmachen konnten. Nur dass Bethie und Rianna sich mit einem Paar blondierter Typen in nachgemachten Brioni-Hemden zusammentaten. Zwei Brüder, irgendeine Art Surfbretter-Geschäft in Redondo.
    Wir haben gedacht, wir feiern vielleicht ein bisschen mit Sean und Matt, kicher, kicher. Wenn du nichts dagegen hast, Kat.
    Was hätte sie sagen sollen? Bleibt bei mir, ich bin die ultimative Loserin?
    Deshalb war sie jetzt um drei, vier Uhr hier, schwankte aus dem Light My Fire raus und hielt nach ihrem Wagen Ausschau.
    Herrgott, es war so dunkel, warum zum Teufel hatten die keine Außenbeleuchtung oder so was …?
    Sie machte drei Schritte, und einer ihrer Bleistiftabsätze verfing sich im Asphalt, und sie stolperte und verdrehte sich fast den Knöchel.
    Um ihr Gleichgewicht ringend, richtete sie sich wieder auf.
    Von deinen schnellen Reflexen gerettet, Supergirl. Und dank all der Tanzstunden, zu denen man sie gezwungen hatte. Das würde sie Mutter gegenüber allerdings niemals zugeben, um ihrem Blödsinn von wegen Ich-hab-dir’s-ja-gesagt keine Nahrung zu geben.
    Mutter und ihre Regeln. Kein Weiß nach dem Labor Day. Das war vielleicht sinnvoll in L.A.
    Kat machte noch zwei Schritte, und einer der Spaghettiträger an ihrem pflaumenfarbenen Lamé-Top rutschte ihr von der Schulter. Sie ließ ihn so, weil ihr der Kuss der Nacht auf ihrer nackten Haut gefiel.
    Da sie sich ein bisschen sexy fühlte, warf sie ihre Haare zurück; dann fiel ihr ein, dass sie sie hatte abschneiden lassen und nicht mehr viel zum Zurückwerfen da war.
    Ihr Blickfeld wurde verschwommen - wie viele Long Islands hatte sie verputzt? Vielleicht doch vier.
    Sie holte tief Luft, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
    Dann bewölkte er sich wieder. Und wurde klar. Wie Fensterläden, die auf- und zugemacht wurden. Verrückt, vielleicht war das Gras nicht ganz astrein gewesen … wo war der Mustang … Sie ging schneller, stolperte erneut, und diesmal waren die Supergirl-Reflexe nicht genug, und sie musste sich irgendwo abstützen - an der Seite eines Wagens … nicht ihrer, ein beschissener kleiner Honda oder so … Wo war der Mustang ?
    Da nur noch ein paar Wagen auf dem Parkplatz standen, hätte er einfach zu sehen sein müssen. Aber die Dunkelheit vermasselte alles … weil die Loser, denen das Light My Fire gehörte, zu verdammt knickrig waren, um ein paar Scheinwerfer anzuschaffen - als ob sie nicht genug damit einsacken würden, dass sie die Leute hineinpferchten, die Türsteher und Absperrseile ein Witz.
    Knickrige Scheißkerle. Wie alle Männer.
    Abgesehen von Royal. Wer hätte das gedacht, dass Mutter schließlich das große Los ziehen würde? Wer hätte sich träumen lassen, dass das alte Mädchen es draufhatte?
    Kat musste laut lachen bei der Vorstellung. Etwas auf Mutter drauf .
    Nicht sehr wahrscheinlich, Royal war alle zehn Minuten auf dem Klo. Bedeutete das nicht, dass seine Prostata im Arsch war?
    Sie taumelte über den tintenschwarzen Parkplatz. Der Himmel war so dunkel, dass sie nicht mal den Maschendrahtzaun sehen konnte, der den Parkplatz umgab, und die Lagerhäuser und Blechbaracken auch nicht, aus denen diese Scheißumgebung bestand.
    Die Website der Disco behauptete, sie läge in Brentwood. Eher in der behaarten, stinkenden Achselhöhle von West L.A.... Okay, da stand er, ihr blöder Mustang.
    Sie eilte auf den Wagen zu, wobei ihre Absätze auf dem unebenen Asphalt klapperten.

Weitere Kostenlose Bücher

In einer kleinen Stad
In einer kleinen Stad von Stephen King