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Mondgeschöpfe (Phobos)

Mondgeschöpfe (Phobos)

Titel: Mondgeschöpfe (Phobos)
Autoren: Michael Schuck
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Balkon
     
    Dienstag, August 1996
    Ragnos sah so etwas wie kleine schwarze Tierchen über Dr. Valmonts Gesicht laufen. Sie liefen zu seinen Mundwinkeln und sammelten sich dort. Es sah aus, als lächele er. Aber das war sicher nur eine Täuschung. Ragnos drehte sein Gesicht zur Wand.
    "Es sind diese Größenunterschiede. Wenn etwas mehr als zwei Meter groß ist, beginnt meine Angst.“
    "Gehen Sie in Ihrer Vorstellung zu Gegenständen, die kleiner als zwei Meter groß sind."
    "Also, eh..., Tische, Stühle, Katzen, Hunde."
    "Die machen Ihnen keine Angst." Dr. Valmont versuchte Ragnos Unterangstschwelle weiter zu eruieren und zu festigen.
    "Nein! Es sind sowieso nicht die Gegenstände selbst. Es ist ihre Höhe. Ich glaube, wenn sie größer sind als ich, wird es gefährlich."
    "Nehmen wir an, Sie besäßen eine Brille, eine Spezialbrille. Sie verkleinert alles, was Sie mit ihr sehen. Sie verkleinert alles auf, sagen wir einmal, Stuhlgröße. Bitte, stellen Sie sich das einmal vor!"
    Ragnos stellte es sich vor und begann zu kichern.
    Vielleicht waren die schwarzen Dinger in Dr. Valmonts Gesicht doch nur Bartstoppeln gewesen und sein Lächeln ein richtiges Lächeln. Ragnos Gesicht entspannte sich jedoch noch nicht ganz. Seine dunklen, sehr dicht zusammenstehenden Augen schienen etwas auseinander zu rücken. Und jetzt ging sogar Belustigung wie eine frische Brise über das Meer über die Angst in seiner Seele.
    Diese Angst hatte ihn in die Beziehung zu Herwe geführt. Herwe wiederum hatte ihn zu Dr. Valmont geführt, wie einen Verdurstenden zur Wasserquelle.
    "Ja, das geht. Ich kann es mir vorstellen. Es ist ganz toll!"
    "Vertiefen Sie diesen Zustand! Sehen Sie die Dinge klein! Die Menschen, die Häuser, die Trucks. Alles, was Ihnen begegnet."
    Und Ragnos ließ sich darauf ein. Er war tatsächlich finster entschlossen, dem Bannkreis seiner Beeinträchtigung zu entkommen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er so etwas wie das Ende eines roten Fadens in die Hand bekommen.
    Zu demütigend war die Trennung von Herwe gewesen. Er war immer ängstlicher, schließlich wie ein Kleinkind geworden, und sie hatte diese Regression nicht ertragen.
    Vielleicht war das alles auch zu schnell gekommen, innerhalb eines halben Jahres. Ragnos, der erfolgsverwöhnte Manager, wurde zum jammernden Waschlappen.
    Sein Lachen wurde jetzt tiefer, Seine Stirnhaare wippten fröhlich. Die Welt begann für ihn wieder ins Lot zu kommen.
    Herwe hatte ihm, als sie ihn verließ einen winzigen Rest von Hoffnung gelassen: "Wenn du es geschafft hast, wenn du wieder normal bist, melde dich und dann werden wir weiter sehen."
    Dieses beschissene Wort normal. Hohn und Spott hatte er in früheren Zeiten über diese Normalität gegossen. Er hasste diese Normalität, die ein Familienauto fährt, nachdem sie beim Kauf zuerst nach dem Verbrauch gefragt hat, die gedeckte Farben trägt, die zweimal die Woche Sex macht, ansonsten ihrer Arbeit nachgeht, klaglos, versteht sich, die nicht zu laut spricht, überhaupt nie laut ist. Diese Normalen kannten durchaus kollektive Ausnahmen von der Normalität auf dem Fußballplatz z.B.  oder im Zuge eines Kegelausfluges. Dann wurde herum gegrölt, als sei der heimgesuchte Ort zu erobern und nicht nur zu besuchen.
    "Sie machen sie nicht zu klein, bitte!", sagte Dr. Valmont und verschränkte seine Finger vor dem kleinen Spitzbauch. Er war sich nicht ganz klar darüber, ob er Ragnos Leiden als Phobie einordnen sollte, ähnlich der Agoraphobie. Oder ob es mehr als eine narzisstisch gelagerte Depression anzusehen war, gewissermaßen eine Umkehrung der Grandiosität, ein Leiden also, das sich selbst unendlich klein und die Dinge unendlich groß erscheinen lässt.
    Wenn es sich um Letzteres handelte, würde Ragnos, im Strickmuster der Grandiosität verharrend, alle Dinge auf Stecknadelkopfgröße bringen. Er selbst würde auf diese Weise zum Riesen. Aber dieser Projektion würde die vitale Energie fehlen. Schon in Kürze würde sie zusammenstürzen wie ein Kartenhaus und würde Ragnos womöglich mitreißen.
    Handelte es sich dagegen um eine Phobie, konnte schon diese kleine Vorstellungsübung, wie er sie gerade durchführte, eine große seelische Bewegung in Richtung Besserung zur Folge haben.
    "Sie kommen jetzt ganz sachte und langsam in ihr Alltagsbewusstsein zurück!", begann Valmont die Rückführung. "Sie atmen ein paar Mal tief durch! Ja, gut so! Sie öffnen langsam die Augen und beginnen sich zu räkeln, als wenn Sie gerade

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