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Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten Freunde

Titel: Meine 500 besten Freunde
Autoren: Johanna Adorján
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das Fenster herunterzufahren und seinen Namen zu rufen. Ob er mich erkennen würde, sich an mein Gesicht erinnerte? Er lief über die Kreuzung, ohne in meine Richtung zu sehen. Statt des Mantels trug er eine braune Lederjacke, eine dunkle Baseballkappe saß ihm tief in der Stirn. Mir fiel wieder ein, dass es im Hausflur nach feuchtem Kalk gerochen hatte, und selbst an heißen Sommertagen kühl gewesen war. Eine leichte Übelkeit ergriff mich, doch dann riss mich ein Hupen aus meinen Gedanken, ich legte einen Gang ein und fuhr los.
    1 Zeitung war ein täglich oder wöchentlich öffentlich erscheinendes Druckerzeugnis, das die nationalen und internationalen Ereignisse des gestrigen, oft vorgestrigen Tages noch einmal zusammenfasste



DER OTTER
     
    Leyla war am Vortag 40 geworden. Sie hatte bei sich zuhause eine Party gegeben, zwanzig Gäste, nichts großes, die vor allem den schönen Effekt gehabt hatte, sie vom Anlass abzulenken. Dass sie nun also wirklich schon vierzig war, diese Erkenntnis setzte erst jetzt, am frühen Abend des nächsten Tages ein, zugleich mit immer stärker werdenden Kopfschmerzen.
    Ich hätte doch eine Aspirin nehmen sollen, sagte sie vorwurfsvoll zu Gregor, ihrem Mann, der gerade auf der Suche nach einem Parkplatz seinen Wagen zum dritten Mal an der Galerie vorbeifuhr, in der sie zusammen eine Vernissage besuchen wollten.
    Soll ich bei einer Apotheke halten, fragte er.
    Jetzt ist es zu spät, sagte sie und sah dann wieder ostentativ schweigend aus dem Fenster.
    Da wäre einer gewesen, sagte sie plötzlich.
    Wo?
    Da hinten.
    Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Bist du sicher, dass es keine Einfahrt war?
    Sie sagte nichts, und er fuhr weiter.
    Ich hoffe bloß, Anna und Titus kommen nicht, sagte sie. Inzwischen waren sie relativ weit von der Galerie entfernt in einer kleinen Seitenstraße, in der auch kein Parkplatz zu finden war, die Autos standen hier sogar auf dem Fußgängerweg.
    Anna und Titus, wiederholte Gregor, dem diese Namen nichts sagten.
    Hallo Süße, sagte Leyla in gekünstelt hohem Ton. Hallo Süße, na? Ich kann sie nicht ausstehen. Wenn die da sind, gehe ich sofort nach Hause.
    Gregor, der soeben an einer Lücke vorbeigefahren war, die ihm auf den ersten Blick zu klein erschienen war, was er jedoch lieber noch einmal überprüfen wollte, legte den Rückwärtsgang ein.
    Aber du magst die ja, oder?
    Wart mal kurz …, sagte er.
    Sag doch mal, du magst die, oder, Anna. Du findest sie sexy.
    Sekunde …, sagte er.
    Hallo Süße, was macht denn die kleine Maus? Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Kommt doch mal raus zu uns, die kleine Lucy würde sich so freuen. Wenn sie jemanden nachäffte, sah sie immer aus, als hätte sie die Zähne von jemand anderem im Mund.
    Etwa zehn Minuten später hatten sie einen Parkplatz und nach noch einmal gut zehn Minuten Fußmarsch erreichten sie die Galerie.
    Vor dem hell erleuchteten Innenraum stand eine Traube von Menschen. Viele der Männer hatten einen Vollbart. So gut wie alle hatten eine Bierflasche in der Hand.
    Leyla, die bis vor einer Sekunde noch zusätzlich zu den immer stärkender werdenden Kopfschmerzen über Druckstellen geklagt hatte, die ihre neuen hohen Schuhe ihr beim Gehen verursachten, setzte urplötzlich ein Lächeln auf und winkte einem Mann zu, der ungefähr in ihre Richtung sah. Er trug eine Bomberjacke und hatte eine Dogge an der Leine.
    Oh Gott, wie heißt der denn noch mal, sagte sie.
    Wer?, fragte Gregor, doch Leyla antwortete nicht. Der Mann hatte sie ohnehin nicht gesehen.
    Im Schaufenster hing ein Poster. DER OTTER , stand darauf, dicke schwarze Lettern auf rotem Grund, darunter der Name des Künstlers, Christoph Svoboda .
    Leyla, rief eine Frau, löste sich aus der Menge und l cr Man>ief auf Leyla zu. Sie hatte dunkle Haut und ihre Haare sahen aus, als könne sie sie wie eine Afro-Perücke einfach abnehmen. Alles Gute nachträglich, du hattest doch gestern, Waage, oder?
    Während sie von der Frau umarmt wurde, warf Leyla Gregor einen dieser Blicke zu, bei denen er nie wusste, wie er darauf reagieren sollte. Einmal hatte er genauso zurückgeguckt, darauf hatte sie den Rest des Tages nicht mehr mit ihm gesprochen.
    Alles, alles Gute, sagte die Frau noch mal. Wie alt bist du denn geworden?
    Ach, egal, sagte Leyla. Ich finde, andere Jahre haben mich viel stärker geprägt als das, in dem ich zufällig geboren bin.
    Ha, das ist gut, das muss ich mir merken, sagte die Frau, ließ Leyla los und wandte sich

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