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Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten Freunde

Titel: Meine 500 besten Freunde
Autoren: Johanna Adorján
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üblich noch im Pyjama, ins Erdgeschoss geeilt war, um die Zeitung zu holen. Es war eindeutig ein Gewaltakt gewesen, die Holzlade hing schief im Furnier. Offenbar war ich die Erste, die es bemerkte, zumindest schien niemand etwas angerührt zu haben. Obenauf auf dem Bündel von Werbepost lag, auf den ersten Blick sichtbar, ein DIN -A4 großes weißes Blatt Papier, auf das jemand mit schwarzem Filzstift folgende Botschaft geschrieben hatte: » EBBING, DU SCHWEIN, ICH WILL MEIN GELD!!! RÜCK DIE 10000 EURO RAUS! SOFORT!!! SONST KRIEGST DU ES MIT MIR ZU TUN. « Mag sein, dass ich mich mit der genauen Anzahl der Ausrufungszeichen vertue, aber den Wortlaut weiß ich noch genau. Eine Unterschrift fehlte. Ich legte das Blatt wieder genauso zurück, wie ich es vorgefunden hatte und ging langsam in meine Wohnung zurück.
    In was für eine Geschichte war Ebbinghaus verwickelt? Offenbar also wohnte er noch hier. Das Schriftbild hatte selbstbewusst gewirkt, um nicht zu sagen, bedrohlich: Mit dickem Edding geschriebene, steil aufragende Blockbuchstaben, die I-Punkte waren Querstriche gewesen. Kurz erwog ich, die Polizei zu verständigen, immerhin war offenbar in den späten Nacht- oder frühen Morgenstunden jemand in unser Haus eingedrungen und hatte einen Briefkasten aufgebrochen. Ich ließ es bleiben, ebenso wie ich den Gedanken fallen ließ, die Hausverwaltung zu verständigen, mit der mein Verhältnis nicht zum Besten stand. Irgendjemand, dachte ich, würde sie schon benachrichtigen, warum sollte ausgerechnet ich es sein. Wie unwohl ich mich mit der Sache fühlte, lässt sich vielleicht daran ablesen, dass mir der Gedanke kam, die Polizei könnte meine Fingerabdrücke auf dem Schreiben finden. Dann sagte ich mir, dass ich mich nicht so anstellen solle, und versuchte die Sache zu vergessen, was mir im Laufe des Tages mal besser, mal weniger gut gelang.
    Als ich am Abend nach Hause kam und der Briefkasten immer noch schräg in einer Angel hing – der Drohbrief für jeden, der vorbeilief, auf den ersten Blick sichtbar –, bekam ich es plötzlich mit der Angst zu tun. Ich beschloss, endlich auch neben meiner Wohnungstür ein Namensschild anzubringen und erledigte dies sogleich. Seltsam, wie Dinge, die einem bislang immer unlösbar kompliziert erschienen, bei veränderter Dringlichkeit kinderleicht werden.
    Es war dies ungefähr die Zeit, in der bei mir eine Vorstufe von Krebs diagnostiziert wurde, für jene Berlinale hatte ich mich umsonst akkreditiert. Die Angelegenheit ließ sich glücklicherweise mit einem einfachen Eingriff beheben, weshalb ich kein großes Aufhebens darum machte. In der Redaktion meldete ich mich krank, ohne dass jemand eine Rückfrage stellte, im Freundeskreis erzählte ich niemandem davon. Routine- OP unter Vollnarkose, zwei Tage Krankenhausaufenthalt zur Beobachtung. Außer den Käsebroten zum Abendessen und einem Schrank voller Hygienebinden ist mir nichts in Erinnerung. In den Tagen vor der Operation war ich zweimal ohnmächtig geworden. Beide Male hatte ich kurz zuvor auf der Straße eine Schwangere gesehen. Unschwer, darin einen Zusammenhang zu meiner D [g zrdeniagnose zu erkennen, und doch mischen sich diese Schwächeanfälle in meiner Erinnerung mit dem Bild des aufgebrochenen Briefkastens, möglich, dass der Besuch beim Frauenarzt, an dem er mir den Befund mitteilte, sogar mit dem Tag des Einbruchs zusammenfiel, wenn nicht, war es der Tag darauf.
    Ich war also, um es kurz zu sagen, nicht in der allerbesten Verfassung, als ich Ebbinghaus wiedersah. Es geschah vielleicht zwei Wochen, nachdem der Briefkasten aufgebrochen worden war, der inzwischen zwar nicht repariert, aber doch von irgendjemandem wieder notdürftig verschlossen worden war. Es war ein Dienstagvormittag, den Wochentag weiß ich bestimmt, da dienstags immer unsere Themenkonferenz stattfand und ich noch einmal aus der Redaktion zurück nach Hause geeilt war, um vergessene Unterlagen zu holen. Ein kalter, sonniger Tag. Es mochte etwa zehn Uhr gewesen sein, eine Zeit also, zu der ich normalerweise schon nicht mehr zuhause war. Ich sah ihn schon durch die mit gusseisernen Verstrebungen verzierte Glasscheibe der Haustür, sah ihn durch die Scheibe hindurch vorm Briefkasten stehen, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, der Mantel reichte ihm bis über die Knie. Im ersten Moment dachte ich, eine neue Ohnmacht wäre nah, da war wieder dieses Rauschen in meinen Ohren. Doch es war nur eine lange nicht mehr verspürte Aufregung, die sich

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