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Maya und der Mammutstein

Maya und der Mammutstein

Titel: Maya und der Mammutstein
Autoren: Margaret Allan
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KAPITEL EINS
    Dyukhtai-Höhle, Sibirien: 21466 v. Chr.

    Blut.
    Ga-Ya schlang sich ihr sorgsam genähtes Fell enger um die schmalen Schultern und zitterte. Der Wind biß sie wie ein Wolf. Von ihrem Ausguck an die drei Meter hoch über der sibirischen Ebene konnte sie die entfernten Gestalten der Großen Haarigen ausmachen, deren Stoßzähne in der winterlichen Nachmittagssonne aufblitzten. »Gut«, knurrte sie vor sich hin. Sie schätzte, daß der Hauptteil der Herde in weniger als einer Stunde ihren Standort erreichen würde. Die Lederriemen, die sie auf ihrem Platz oben auf dem Mast hielten, auf dem sie saß, schnitten ihr allmählich in die Oberschenkel. Die magischen Gegenstände, die sie brauchen würde, lagen in ihrem Schoß: eine kurze Flöte, sorgfältig aus Rentierhorn geschnitzt, eine Rassel aus einem ähnlichen Material und das geschnitzte Elfenbeinfigürchen eines Mammuts.
    Blut.
    Der Geruch stieg ihr in die Nase und sandte rote Nebelschwaden durch ihr Hirn. Keines der Mammuts in der weit entfernten Herde war bislang von einem Speer ihres Volkes getroffen worden - doch sie konnte das Tierblut mit jeder Faser ihres Seins riechen und schmecken. Das war Teil ihrer Magie. Es würde Blut fließen, viel Blut. Und bald.
    Der Pfahl, auf dem sie saß, bewachte den Eingang eines schmalen, eisverkrusteten Engpasses, der zum Fluß hinunter führte. Das Mammut war über einen nicht weit entfernten Pfad gezogen, soweit ihre Erinnerung zurückreichte - sowohl ihre eigene als auch die sich in den Liedern ihres Volkes spiegelnde, die sie in sich trug. In letzter Zeit indes waren die großen Tiere nicht gesichtet worden, trotz ihrer, Ga-Yas, mächtigen Zauberkräfte. Drei Frühjahre waren gekommen und wieder gegangen, ohne daß auch nur ein einziges Tier unter den Speeren und Äxten ihres Volkes gefallen war. Diesmal jedoch, als die Tage allmählich wieder länger wurden, hatte sie das geschnitzte Mammut an ihre verwelkten Brüste gepreßt, um zu träumen. Sie hatte gefastet, und am vierten Tag hatten die Träume einge setzt.
    In dem Traum sprach sie zur Mutter einer Herde, und die Mutter senkte ihren gewaltigen, behaarten Schädel, als lausche sie den Gesängen, die Ga-Ya ihr in der Traumzeit sang. Als die alte Frau erwachte, versammelte sie die Jäger um sich.
    »Schickt Ku-Yak und Be -Dag aus.« Die beiden genannten Männer, die tüchtigsten Fährtenleser des Stammes, hatten genickt, als sie ihnen die Richtung ihrer Suche gewiesen hatte. Das Gebiet, in das sie sie ausgesandt hatte, unterschied sich ein wenig von ihren bisherigen Jagdgründen, lag leicht nördlich von ihrem gewohnten Terrain, doch sie stellten ihre Anweisungen nicht in Frage. Niemand vom Volke des Mammuts stellte Ga -Ya in Frage. Sie war ihre Seele, ihre Mutter.
    Zehn Tage später war Be -Dag mit ausgreifenden Schritten ins Lager geeilt. »Mammut!« hatte er gerufen, und innerhalb einer Stunde hatte ein vollständiger Jagdtrupp das halb in die Erde eingegrabene Langhaus am Ufer des Flusses verlassen. Nachdem sie gegangen waren, wies Ga -Ya den Frauen ihre Aufgaben zu: Seile um den geschnitzten Geisterpfahl zu schwingen und ihn zu einem tiefen Loch in der gefrorenen Tundra zu ziehen; und den Sattel vorzubereiten, in dem Ga-Ya reiten würde, hoch oben auf dem Pfahl, nachdem man ihn aufgerichtet hätte.
    Nun verfolgte sie den Fortgang der Jagd von ihrem angestammten Sitz, und der Himmel über ihr war so leer und blau wie Eis auf dunklen Wassern, und sanft glitten ihre Finger über das abgegriffene Elfenbein des Mammutfigürchens. Bald schon würde sie ihre Zauber durch dieses Figürchen in den Geist der Großen Mutter senden und von dort weiter zu der Mutter, die über die heranstampfende Herde herrschte.
    Sie beruhte die Rassel und die Flöte. Der Wind blies gegen ihre Wangen, zwickte sie. Ihre dürren Finger ballten sich zur Faust, um die Kälte abzuwehren.
    Sie wartete.
    Blut.
    Ku-Yak stützte sich auf seinen Speer, wobei er darauf achtete, den scharfen Schnittkanten der mit größter Sorgfalt behauenen Spitze aus dem Weg zu gehen, die fest an den hölzernen Schaft gebunden war. Er hatte keine Angst, daß die Herde ihn bemerken würde; der Wind stand so, daß er seine Witterung von den Mammuts forttrug, und die Augen der großen Tiere waren bekanntermaßen schlecht.
    Er wandte sich an Be-Dag und sagte: »Wir nehmen das da, direkt hinter der Mutter.«
    Be-Dag nickte. Die beiden Männer hatten sich gemeinsam mit zehn anderen Jägern seit dem vergangenen

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