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Lob der Stiefmutter

Lob der Stiefmutter

Titel: Lob der Stiefmutter
Autoren: Mario Vargas Llosa
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1.
Doña Lukrezias Geburtstag
    An ihrem vierzigsten Geburtstag fand Doña Lukrezia auf ihrem Kopfkissen ein Schreiben mit liebevoll gemalten, kindlichen Schriftzügen:
    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Stiefmutter!
    Ich habe kein Geld, um Dir etwas zu schenken, aber ich werde ganz viel lernen, und dann werde ich Klassenbester, und das ist dann mein Geschenk. Du bist die Beste und die Schönste und ich träume jede Nacht von Dir.
    Noch einmal herzlichen Glückwunsch!
    Alfonso
    Es war nach Mitternacht, und Don Rigoberto befand sich im Badezimmer, wo er sich seinen allabendlichen Waschungen unterzog, die kompliziert und langwierig waren. (Nach der erotischen Kunst war die körperliche Reinigung sein liebster Zeitvertreib; die geistige beunruhigte ihn nicht weiter.) Gerührt über den Brief des Kindes, verspürte Doña Lukrezia den unwiderstehlichen Impuls, zu ihm zu gehen und ihm dafür zu danken. Diese Zeilen bedeuteten ihre wirkliche Aufnahme in die Familie. Ob er wohl noch wach war? Was machte das schon! Wenn nicht, würdesie ihn ganz vorsichtig auf die Stirn küssen, um ihn nicht zu wecken.
    Während sie im Dunkeln die teppichbelegten Stufen des Hauses hinunterging, auf das Schlafzimmer von Alfonso zu, dachte sie: ›Ich habe ihn gewonnen, er mag mich schon.‹ Und ihre alten Befürchtungen in bezug auf das Kind begannen sich aufzulösen wie der leichte Nebel, den die Sonne in Lima an den Sommermorgen vertreibt. Sie hatte vergessen, sich den Morgenmantel überzuwerfen, ihr Körper war nackt unter dem leichten Nachthemd aus schwarzer Seide, und ihre weißen, üppigen, noch immer festen Formen schienen im Halbdunkel zu schweben, in das hier und da der Widerschein der Straße fiel. Die langen Haare fielen offen über ihre Schultern, und sie hatte sich die Ohrringe, Halsketten und Ringe des Festes noch nicht abgenommen.
    Im Zimmer des Kindes war Licht – natürlich, Foncho las ja immer bis spät in die Nacht! Doña Lukrezia klopfte und trat ein: »Alfonsito!« Im gelblichen Lichtkegel der kleinen Nachttischlampe tauchte erschreckt ein kleines Engelsgesicht hinter einem Buch von Alexandre Dumas auf. Seine goldenen Locken waren zerwühlt, sein Mund stand halb offen von der Überraschung, so daß die doppelte Reihe schneeweißer Zähne sichtbar wurde, und die großen blauen, weit aufgerissenen Augen versuchten, sie aus dem Dunkel der Türschwelle zu lösen. Doña Lukrezia verharrte reglos und betrachtete ihn zärtlich. Was für ein hübsches Kind!Ein Krippenengel, einer jener Pagen auf den galanten Stichen, die ihr Mann festverschlossen verwahrte.
    »Bist du es, Stiefmutter?«
    »Was für einen hübschen Brief du mir geschrieben hast, Foncho. Das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe, das schwör ich dir.«
    Das Kind war aufgesprungen und stand schon im Bett. Es lächelte ihr zu, mit ausgebreiteten Armen. Während Doña Lukrezia auf es zuging und ebenfalls lächelte, erhaschte – erriet? – sie in den Augen ihres Stiefsohnes einen Blick, der von Freude zu Verwirrung wechselte und sich perplex auf ihren Oberkörper heftete. ›Mein Gott, du bist ja fast nackt‹, dachte sie. ›Wie konntest du nur so dumm sein und den Morgenmantel vergessen. Was für ein Anblick für den armen Jungen.‹ Hatte sie vielleicht etwas zuviel getrunken?
    Aber Alfonsito umarmte sie schon. »Alles Gute zum Geburtstag, Stiefmutter!« Seine frische und sorglose Stimme machte die Nacht jung. Doña Lukrezia spürte gegen ihren Körper die aufgeschossene Gestalt mit ihren zerbrechlichen kleinen Knochen und mußte an einen Vogel denken. Ihr kam der Gedanke, daß das Kind wie Schilfrohr zerbrechen könne, wenn sie es allzu fest drückte. Wie er so auf dem Bett stand, waren sie beide gleich groß. Er hatte seine schmalen Arme um ihren Hals geschlungen und küßte sie zärtlich auf die Wange. Doña Lukrezia umarmte ihn ebenfalls; ihre eine Hand, die unter die Jacke des marineblauenSchlafanzuges mit roten Streifen geglitten war, strich ihm über den Rücken und versetzte ihm kleine Klapse, wobei sie mit den Fingerspitzen die zarte Linie seiner Wirbelsäule spürte. »Ich hab dich sehr lieb, Stiefmutter«, flüsterte die kleine Stimme an ihrem Ohr. Doña Lukrezia fühlte schmale Lippen, die vor ihrem Ohrläppchen innehielten, es mit ihrem Atem wärmten, es küßten und spielerisch an ihm knabberten. Sie hatte den Eindruck, als würde Alfonsito, während er sie liebkoste, gleichzeitig lachen. Das Herz ging ihr über vor Rührung.

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