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Klang des Verbotenen

Klang des Verbotenen

Titel: Klang des Verbotenen
Autoren: Reinhard Febel
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V ORSPANN
    Hier, beschließt Scarlatti auf halber Strecke zwischen Napoli und Sevilla, genau hier befindet sich die tiefste Stelle des Meeres. Er kauert mittschiffs, vom Mondlicht erhellt, auf den Planken des Seglers, neben sich einen Stapel schwerer, in Leder gebundener Partituren.
    Während er die handgeschriebenen Etiketten liest, schiebt er die Bände einen nach dem anderen unter der Reling hindurch über Bord.
    »1703«, murmelt Scarlatti, » Ottavia wieder eingesetzt auf dem Thron, 1709 Die Bekehrung des Chlodwig, König der Franzosen, 1704 Irene, wieder 1709 Orlando oder Die wahnsinnige Eifersucht sowie Tolomeo und Alessandro oder Die entweihte Krone und noch einmal 1703 Giustino oder Der Bauer als König … oder der oder die oder das … was für ein Unsinn … und für wen?«
    Ein Stoß loser Notenbögen flattert zwischen den Partituren auf und ebenfalls hinab über das Wasser wie Möwen oder Gespenster. Gespenster der Vergangenheit.
    » Hamlet 1715, ja vielleicht dies – ach was! Narziss … hinweg!«
    Auch diese Bände gleiten ins Meer.
    »Was treibst du denn da? Mitten in der Nacht«, sagt auf einmal der wachhabende Matrose, als er aus verbotenem Schläfchen erwacht und sich über das schwankende Deck nähert.
    »Ich muss etwas begraben«, sagt der Reisende.
    »Etwas? Gar jemanden? Einen Hund? Wir hatten doch kein Tier an Bord? – Liebesbriefe!«, brüllt der Alte dann und lacht, als er die verwehenden Notizen und Lesezeichen im Mondlicht entdeckt. »Wusste ich es doch!«
    »Wenn Er so will«, sagt der Komponist.
    »Recht hast du. In Andalusien, da findest du eine Neue. Ach was, zehn! – Was sind wir Männer doch für Narren«, seufzt der alte Mann und blickt über das Meer, als suche er etwas. Man kann nicht erkennen, wo Himmel und Meer aneinanderstoßen. Die Zettel glitzern im Kielwasser wie Sterne.
    Domenico nickt.
    Zwei Hefte liegen noch an Deck: die Studien für Cembalo lässt er am Leben, streicht sanft über diesen und auch jenen roten Leinenumschlag und trägt die zwei Bände wieder nach unten in seine Kabine, bettet sie zurück in die Truhe auf Kleider, Tücher und samtenes Wams. Die überlebenden Noten ruhen nun obenauf in der Seekiste, über Hosen, Perücken, Bürsten und Hemden – Skizzen eigentlich nur (die Rettung war knapp), dazu frisches Notenpapier sowie Schreibfedern und Tuschefläschchen in einem Lederbeutel.

1
    Ein Wolkenbruch fegte über die Grauzone zwischen Meer und Fluss, als der Segler in die Mündung des Guadalquivir einfuhr. Domenico hielt sich an der Reling fest und starrte hinaus über die aufgewühlte Wasserfläche. Eisige Tropfen jagten heran und klatschten ihm auf die Augenlider. Es dunkelte.
    Bis Sevilla wird das Tageslicht nicht reichen, dachte er. Wir werden vor Anker gehen müssen. Noch eine Nacht an Bord.
    »Ja, so kann der Winter hier sein: feucht und windig – richtig ungemütlich! Was dachten Sie denn?«, sagte der französische Mitreisende, der neben ihm an die Brüstung griff. »Wenn das so weitergeht, Herr Scarlatti, dann werden wir noch von oben versenkt und nicht von einer feindlichen Breitseite, wie es sich für eine Seefahrernation gehörte – und zwar knapp vor dem Ziel. Schmach und Schande! Nun, bis nach Coria del Rio werden wir es doch wohl schaffen. Weiter? Vergessen wir’s lieber. Verdammt.« Er grinste, schlug das Kreuz, und beide starrten hinaus in das Unwetter.
    Der Platzregen ragte schräg ins Wasser, von Dampf umspieltdann standen die Tropfenbahnen auf einmal senkrecht, und es war windstill. Die Segel wurden schlaff und hingen herab.
    »Auch das noch«, sagte der Franzose, der sich mit der Seefahrt auskannte. »Nun brauchen wir ein Boot, das uns schleppt.«
    »Coria del Rio?«, fragte Scarlatti.
    »Wo damals die Japaner gestrandet sind«, erklärte der andere, »und dort leben sie noch immer: O ja, nicht nur die Spanier haben die Erdkugel erkundet. In der Stadt werden Sie bestimmt einige Japóns kennenlernen. Sie sind überall. Und man erkennt sie leicht.« Er zupfte seine Augen zu Schlitzen zusammen und bleckte die Zähne.
    »Vielleicht sind wir schon zu weit gefahren«, sagte ein dritter Reisender, der sich zu ihnen gesellt hatte, »und das da drüben ist indianischer Dschungel. Vorsicht, Alligatoren und Wilde mit Giftpfeilen in Kähnen! Die haben vor gar nichts Angst.«
    »Ganz recht«, lachte der französische Passagier. »Ich glaub’s auch. Solche Regengüsse gibt es auf unserem alten Kontinent gar nicht. Folglich: Unser Kapitän hat

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