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Im Schatten des Krans: Ein historischer Kriminalroman aus Hamburg (German Edition)

Im Schatten des Krans: Ein historischer Kriminalroman aus Hamburg (German Edition)

Titel: Im Schatten des Krans: Ein historischer Kriminalroman aus Hamburg (German Edition)
Autoren: Jürgen Rath
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1
Hamburg. Mitte Februar 1845
    Es war so ruhig im Kontor des Handelshauses Schröder   &   Westphalen, dass man die Anwesenheit der drei Männer und des Jungen kaum bemerkt hätte, wäre da nicht das Kratzen der Federkiele auf dem Papier gewesen. Die beiden Commis hatten sich über ihre Korrespondenz gebeugt. Roger Stove, der Engländer, übersetzte gerade die Depesche eines Geschäftspartners aus London. Er schrieb in schwungvollem Stil, die Blattanfänge waren reinste Kunstwerke, die der Kontorvorsteher jedes Mal angewidert betrachtete. Alexander Schröder dagegen, der Sohn des Patrons, bekam mit seiner kleinen Schrift mindestens doppelt so viele Informationen auf ein Blatt, was ihm das Wohlwollen des Vorstehers einbrachte, reduzierte es doch die Kosten für das ohnehin viel zu teure Papier.
    Bei Moritz, dem Kontorlehrling, kratzte nichts. Er hatte seine Feder ins Tintenfass gerammt und blickte verzweifelt auf das Blatt Papier, auf dem die Buchstaben zu tanzen schienen. Wieder einmal hatte er es nicht geschafft, sie auf eine gerade Linie zu zwingen. Sein Blick stahl sich aus dem Fenster, dorthin, wo die Freiheit lockte. Sie lockte stärker als je zuvor. Kontorvorsteher Harms, der gerade die Wareneingänge in das große Kontorbuch übertragen hatte, blickte von seinem Pult hoch. Moritz schaute geistesabwesend zu ihm hinüber   – genau in dessen kalte, graue Augen. Schnell senkte er den Kopf, griff nach der Feder und führte sie ziellos über das Papier, geschäftiges Arbeiten vortäuschend. Hinter der Holzwand, die das Kontor vom PrivatbüroCaesar Schröders trennte, waren die dumpfen Glockenschläge der Standuhr zu vernehmen.
    Im Erdgeschoss quietschte die massive Eingangstür in ihren Angeln. Kurz darauf schlug sie so heftig zu, dass das alte Gebäude in seinen Grundfesten erzitterte. Über die Diele polterten schwere Schritte, jemand stapfte die Treppe hinauf. Oben im Kontor schaute Alexander erschrocken von seinem Stehpult hoch.
    »Der Klabautermann kommt«, flüsterte er.
    Roger Stove schaute belustigt. »Well, ich habe keine Angst vorm Klabautermann. Wir haben in England viele Erfahrungen damit. Auf jedem Schiff gibt es einen.«
    Der Kontorvorsteher blickte ärgerlich zu Roger hinüber. Er mochte es überhaupt nicht, wenn Kapitän Westphalen respektlos »Klabautermann« genannt wurde.
    Die beiden Commis kamen eilends hinter ihren Pulten hervor und bildeten an der Treppe ein Spalier. Moritz stellte sich ebenfalls auf, jedoch etwas nach hinten versetzt, seinem Stand entsprechend. Harms streifte die Ärmelschoner ab, glättete seinen Gehrock und nahm neben der Tür zu Schröders Privatkontor Aufstellung.
    In diesem Augenblick stand Kapitän Westphalen im Raum. Ein hagerer, hochgewachsener Mann mit einer überdimensionierten Hakennase und einem Backenbart nach Art der Segelschiff-Kapitäne, der die Oberlippe und das Kinn frei ließ. Er trug einen langen schwarzen Gehrock und Seestiefel mit Holzsohlen, die ihm einen sonderbar wippenden Gang verliehen. Sein schwarzes Haar stand widerspenstig über den Ohren ab.
    Der Kontorvorsteher verbeugte sich tief und verharrte in dieser Position. Für Alexander war es selbstverständlich, keinen allzu devoten Diener zu machen, schließlich war er der Sohn des Kaufmanns und der zukünftige Erbe des Handelshauses. Roger Stove senkte nur höflich den Kopf. Er war zu stolz, um einem Hamburger Bürger mehr als die übliche Achtungentgegenzubringen. Moritz machte einen Diener, jedoch nicht so tief wie Harms, dessen kriecherisches Verhalten er verachtete. Er hätte es gerne wie sein Vater gehalten, der niemals den Kopf vor einem anderen Menschen beugte, ausgenommen vor den Frauen. Doch das ging im Kontor nicht.
    Der Kapitän blickte sich grimmig um und durchquerte wortlos das Kontor. Er schob den Vorsteher unwirsch beiseite und stieß die Tür zu dem dahinter liegenden Raum auf. Trotz seiner behäbigen Fülle kam Caesar Schröder erstaunlich schnell aus dem Sessel hoch.
    »Bei Gott, Harry«, rief er erschrocken. »Was ist passiert? Ist die H ENRIETTE gesunken? Oder die B ÜRGERMEISTER B ARTELS ?«
    »Ach was!« Kapitän Westphalen machte eine wegwerfende Bewegung. »Unsere Schiffe sind stark, die See bereitet ihnen keine Probleme. Doch hier an Land braut sich ein Sturm zusammen. Er wird sich zu einem Orkan auswachsen.«
    Caesar Schröder schüttelte verständnislos den Kopf, dann schielte er zur Tür, die immer noch offen stand.
    Angriffslustig reckte Kapitän Westphalen das Kinn

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