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Ich hab dich im Gefühl

Ich hab dich im Gefühl

Titel: Ich hab dich im Gefühl
Autoren: Cecelia Ahern
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Schließ die Augen und schau in die Dunkelheit.
    Das war immer der Rat meines Vaters, wenn ich als kleines Mädchen nicht schlafen konnte. Jetzt würde er das nicht von mir wollen, aber ich tue es trotzdem. Ich starre in die unermessliche Dunkelheit, die sich endlos hinter meinen geschlossenen Augenlidern erstreckt. Obwohl ich nach wie vor auf dem Boden liege, habe ich das Gefühl, dass ich auf dem allerhöchsten Punkt bin, den ich erreichen kann, mich an eine Treppe im Nachthimmel klammere und meine Beine über dem kalten schwarzen Nichts baumeln lasse. Ein letztes Mal blicke ich hinunter auf meine Finger, die das Licht umschließen, dann lasse ich los. Erst falle ich, dann treibe ich, dann falle ich wieder, und ich warte auf das Land meines Lebens.
    Genau wie schon als kleines Mädchen, das gegen den Schlaf kämpfte, weiß ich auch heute, dass hinter dem dünnen Vorhang der geschlossenen Lider die Farben wohnen. Sie locken mich, fordern mich heraus, die Augen zu öffnen und den Schlaf abzuschütteln. Rote und bernsteinfarbene, gelbe und weiße Blitze durchflammen meine Dunkelheit. Ich weigere mich, die Augen aufzumachen. Aus reinem Trotz kneife ich die Lider noch fester zusammen, um die Lichtfunken abzuwehren – bloße Ablenkungen, die mich wach halten, aber Zeichen dafür, dass es jenseits davon Leben gibt.
    Aber in mir ist kein Leben. Keins, das ich, hier am Fuß der Treppe liegend, fühlen kann. Nun schlägt mein Herz schneller, der letzte Einzelkämpfer, der im Ring zurückgeblieben ist, ein roter Boxhandschuh, der immer weiterpumpt und nicht aufgeben will. Das ist der einzige Teil von mir, dem es nicht egal ist, der einzige, dem es nie egal war. Er bemüht sich, das Blut in Umlauf zu halten, den heilenden Kreislauf, mit dessen Hilfe das ersetzt werden soll, was ich verliere. Aber es fließt genauso schnell aus meinem Körper, wie es herangepumpt wird, und bildet einen tiefen schwarzen Ozean um die Stelle, wo ich gestürzt bin.
    Schnell, schnell, schnell. Immer haben wir es eilig. Nie haben wir hier genug Zeit, denn wir sind schon unterwegs nach dort. Weil wir bereits vor fünf Minuten hätten aufbrechen müssen, weil wir jetzt dort sein sollten. Wieder klingelt das Telefon, und ich nehme die Ironie des Schicksals zur Kenntnis. Wenn ich mir vorhin Zeit gelassen hätte, könnte ich jetzt drangehen.
    Jetzt, nicht damals.
    Ich hätte mir beim Hinuntergehen alle Zeit der Welt nehmen können. Aber wir haben es immer eilig. Alle sind in Hetze, alle, außer meinem Herzen. Das wird langsamer. Das stört mich nicht sonderlich. Ich lege die Hand auf meinen Bauch. Wenn mein Kind nicht mehr da ist, dann will ich auch gehen. Und es dort treffen. Wo auch immer »dort« ist. Dort werde ich es bemuttern und umsorgen, wie ich es hier hätte tun sollen.
    Dort, nicht hier.
    Es tut mir so leid, Schätzchen, werde ich ihm sagen, es tut mir leid, dass ich deine Chance vermasselt habe, deine und meine Chance – unsere Chance auf ein gemeinsames Leben. Aber schließ jetzt die Augen und schau in die Dunkelheit, wie deine Mummy, dann finden wir unseren Weg.
    Plötzlich höre ich ein Geräusch im Zimmer und spüre, dass da jemand ist.
    »O Gott, Joyce, o Gott! Kannst du mich hören, Liebes? O Gott. O Gott. O nein, bitte nicht, Gott. Nicht meine Joyce, nimm mir nicht meine Joyce. Halte durch, Liebes, ich bin hier. Dad ist bei dir.«
    Ich möchte aber nicht durchhalten, und das möchte ich ihm auch gern sagen. Ich höre mich stöhnen, ein Wimmern, das klingt wie von einem Tier, erschreckend, Angst einflößend. Ich habe einen Plan, möchte ich ihm sagen. Ich möchte gehen, denn nur dann kann ich mit meinem Baby zusammen sein.
    Dann, nicht jetzt.
    Er hat meinen Sturz aufgehalten, aber ich bin noch nicht gelandet. Stattdessen hilft er mir zu balancieren, zu schwanken, dabei muss ich doch eine Entscheidung treffen. Ich möchte weiterfallen, aber er ruft einen Krankenwagen. Und er packt meine Hand so fest, als wäre er es, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Als wäre ich alles, was er hat. Jetzt streicht er mir die Haare aus der Stirn und weint laut. Ich habe ihn noch nie weinen hören. Nicht mal, als Mum gestorben ist. Mit einer Kraft, die ich seinem alten Körper gar nicht zugetraut hätte, umklammert er meine Hand, und ich erinnere mich plötzlich, dass ich tatsächlich alles bin, was er hat, und dass auch er wieder meine Welt geworden ist, genau wie früher. Ununterbrochen rauscht das Blut durch meine Adern. Schnell, schnell,

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