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Heute Nacht brauche ich Liebe

Heute Nacht brauche ich Liebe

Titel: Heute Nacht brauche ich Liebe
Autoren: Donna Carlisle
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1. KAPITEL
    Ein eiskalter Luftzug strömte in den Gemeinschaftsraum, als Joan Forrest eintrat, und erregte Protest bei dem halben Dutzend Männern, die vor dem Fernseher saßen. Hastig schloss sie die Tür, während sie ihren Schal, den sie zum Schutz um ihr Gesicht geschlungen hatte, herunterzog und auf der Plastikmatte den Schnee von den Stiefeln trat, so wie sie es seit zwei Jahren jeden Morgen tat. Das ist das letzte Mal, dachte sie befriedigt. Doch in diese Befriedigung mischte sich eine Spur Wehmut, als ihr bewusst wurde, dass sie viele Dinge heute zum letzten Mal tun würde.
    Ursprünglich war dieser Raum als Empfangshalle für die Besucher der Carstone Industries gedacht, doch da sich hier alle versammelten, die gerade nichts zu tun hatten - was nach Joans Meinung viel zu oft vorkam ­ nannte man ihn den Aufenthaltsraum. Mit den beiden alten durchgesessenen Sofas, den schlecht gepolsterten Sesseln und dem Fernseher in der Ecke ähnelte er mehr einem Wohnzimmer. Den einzigen Hinweis darauf, dass hier gearbeitet wurde, gab der Schreibtisch neben der Eingangstür, der im Augenblick verwaist war, auf dem sich aber wie üblich Aktenordner, Wurfsendungen und unbeantwortete Post stapelte. Doch immer stand auch eine Warmhaltekanne mit Kaffee bereit, für den Joan ­ zumindest im Augenblick - dankbar war. Noch bevor sie ihre warme Daunenjacke ablegte, schenkte sie sich eine Tasse ein.
    „Guten Tag, Mrs. Worth..., Verzeihung Miss Forrest”, wurde sie von einer jungen Frau begrüßt, die gerade durch die Schwingtüren kam, hinter welchen die Labors und Büroräume lagen. Sadie hatte die Leitung dieses Bereichs inne, wurde jedoch nicht einmal den Aufgaben einer Sekretärin gerecht. Sie trug einen Postsack bei sich, was andeutete dass sie direkt aus der Flugzeughalle kam.
    „Ach prima, mein Flugzeug ist schon hier”, sagte Joan und nickte ihr zu. „Wo ist der Pilot?”
    Sadie warf ihr einen unschlüssigen Blick zu, während sie den Sack öffnete und dessen Inhalt auf den bereits hoffnungslos überfüllten Schreibtisch verteilte. „Im Funkraum, bei Joe”, antwortete sie zögernd.
    „Gut. Dann richten Sie ihm aus, dass ich in einer Stunde zum Abflug fertig bin. Ich habe noch einiges zu erledigen.” Joan nahm einen Stapel Briefe und sah ihn kurz durch. „Ach was, ich werde es ihm selbst sagen, weil ich nicht genau weiß, wie lange es dauern wird.”
    „Hey, Sadie, ist etwas für mich dabei?” rief einer der Männer, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. Das Footballspiel, das gerade übertragen wurde, schien ihn noch mehr zu interessieren.
    „Die Post wird um halb elf ausgeteilt”, entgegnete Sadie. „Das weißt du genau.”
    Grinsend hob der Mann seine Kaffeetasse. „Ich weiß, aber man kann es ja auch mal früher versuchen.”
    Joan hatte das Gefühl, er tat das absichtlich, um sie zu provozieren. Es ärgerte sie über die Maßen; dass die Hälfte ihrer Leute bereits morgens um zehn vor dem Fernseher saß, und das nicht nur an diesem Tag. Da sie nichts dagegen unternehmen konnte, hatte sie es sich angewöhnt, kein Wort darüber zu verlieren. Und die Männer verhielten sich in der Regel ganz ruhig, solange sie anwesend war. Wollten sie sie an ihrem letzten Tag in Adinorack noch zur Raserei bringen? Diese Befriedigung würde sie ihnen nicht geben.
    Angespannt nahm sie einige an sie adressierte Briefe vom Stapel und wandte sich wieder an Sadie. „Bevor Sie mich endgültig los sind, möchte ich noch eines von Ihnen wissen”, sagte sie geduldig.
    Sadie, die damit beschäftigt war, die Post in gemächlichem Tempo alphabetisch zu ordnen, blickte auf. „Gewiss, Miss Forrest. Worum handelt es sich?”
    „Wir bekommen nun einmal in der Woche Post. Wieso hinken Sie dann mit der Beantwortung unserer Korrespondenz um zwei Wochen hinterher?”
    Sadie machte ein überraschtes Gesicht. „Ich verteile die Post noch am gleichen Morgen, nachdem sie hier eingetroffen ist. Das wissen sie selbst.”
    „Die persönlichen Briefe ja. Das hier”, Joan deutete auf den Stapel auf dem Schreibtisch, „sind alles unbeantwortete Geschäftsbriefe.”
    Im ersten Moment schaute Sadie sie an, als verstünde sie nicht, worum es gehe. „Oh”, antwortete sie höflich, ehe sie ohne eine weitere Erklärung fortfuhr, die Post zu sortieren. Sie schien schon längst keinen Gedanken mehr zu diesem Thema zu verschwenden.
    Für einen kurzen Augenblick schloss Joan die Augen. Ab morgen würde sie sich nicht länger mit diesem Problem

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