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Endstation bei Al Wheeler

Endstation bei Al Wheeler

Titel: Endstation bei Al Wheeler
Autoren: Carter Brown
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ERSTES KAPITEL
     
    E in glückliches neues Jahr!«
    »Auch wenn noch fünf Tage bis
Weihnachten sind«, sagte ich betrübt.
    »Na schön — dann belämmerte
Weihnachten !«
    Die Blonde in ihrem Piratinnenkostüm fuhr sich mit den Fingern durch ihr
zerzaustes Haar und lächelte unsicher. »Kommen Sie schon rein zur Party. Wie
wär’s ?«
    Ich trat vorsichtig in den
Vorflur. Sie schwankte plötzlich auf mich zu, so daß sich ihr gutentwickelter
Piratenbug einen Augenblick lang gegen meine Brust preßte.
    »Ich wollte, dieses verdammte
Haus würde eine Sekunde lang stillstehen«, murmelte sie, während sie wieder
abtrieb. »Man kann kaum auf seinen eigenen Füßen stehen, so wie hier alles
schwankt .« Sie schob das schwarze Pflaster hoch und
enthüllte ein porzellanblaues Auge, das genau zu dem paßte ,
das sich an die andere Seite ihrer Stupsnase schmiegte. Keins von beiden war
allzu klar.
    »Ich bin Iris Malone .« Sie versuchte mit allen Kräften, den Blick auf mein
Gesicht zu richten. »Wieso haben Sie kein Kostüm an, Männeken ?
Ich habe doch allen gesagt, es sei eine Kostümparty .« Sie zupfte einen Augenblick lang an ihrer üppigen Unterlippe. »Wer, habe ich
gesagt, bin ich? Ich meine, sind Sie — waren Sie noch ?«
    »Ich bin Lieutenant Wheeler vom
Büro des Sheriffs«, knurrte ich.
    »Nun weiß ich, warum alle so
nervös geworden sind !« Sie brach in hilfloses
Gelächter aus. »Na, so was! Sie haben doch gesagt, Sie seien ein Polyp, und ich
sagte...«
    »Ich weiß .« Ich preßte die Zähne aufeinander und hielt mich mühsam zurück, sie mit meinen
bloßen Händen zu erwürgen. »Ich habe nicht die Absicht, Ihre Party platzen zu
lassen, aber jemand hat angerufen und gemeldet, daß hier ein Mord verübt worden
sei .«
    »Wirklich?« Sie wurde so weit
nüchtern, daß sie zu lachen aufhörte, aber ihre Augen waren nach wie vor mit
dem Problem beschäftigt, klar zu sehen. »Wo?«
    »Eben hier«, knurrte ich.
»Jemand, der Tallen heißt, hat angerufen .«
    »Das muß Greg Tallen sein«, sagte sie. »Er ist hier irgendwo .« Ihre Stirn runzelte sich in heftiger Konzentration.
»Jetzt erinnere ich mich! Als ich ihn das letztemal sah, ging er mit Toni in Richtung des Gästezimmers — «
    »Und wo ist das Gästezimmer ?«
    »Die letzte Tür rechts am Ende
des Korridors.« Sie zögerte einen Augenblick. »Vielleicht sollten Sie mich
vorausgehen lassen, damit ich Sie anmelde ?«
    Ihre Stimme hob sich hinter mir
zu einem verzweifelten Gewimmer, als ich einen schnellen Schritt anschlug.
»Aber, um Himmels willen! Klopfen Sie wenigstens, bevor Sie eintreten. Ja? Ich
meine, klopfen — und warten Sie !«
    Ich tat weder das eine noch das
andere. Die Tür war nicht verschlossen, und so öffnete ich sie und betrat das
Gästezimmer. Ein großes, mageres männliches Karnickel mit großen Schlappohren
und einem bleistiftdünnen schwarzen Schnurrbart fuhr nervös zurück, als es mich
sah.
    »Wer sind Sie ?« fragte er mit äußerst nervöser Stimme.
    »Sankt Nikolaus«, sagte ich.
»Ich bin gekommen, um die Leiche abzuholen, die Sie aus Versehen in Ihrem
Strumpf haben steckenlassen. Wo ist sie ?«
    »Die Leiche?« Er schluckte
mühsam, und sein Adamsapfel hüpfte in die Höhe wie eine Jungfrau, die man in
den Hintern gezwickt hat. »Unter dem Bett.«
    Es war ein wahrhaft heidnisch aussehendes
Bett mit einem schwarz-weißen Thai-Seidenüberzug und zwei dazupassenden Kissen, alles ziemlich zerwühlt. Ich ließ mich auf alle viere hinab, hob den
Rand des Bezugs und spähte unter das Bett. Ein kahlköpfiger Räuber Robin Hood
mittleren Alters im trachtionellen hellgrünen Anzug
starrte mich seinerseits aus leeren Augen an. Die rechte Seite seines Gesichts
war eine einzige blutige Masse, da hier unmittelbar unter seinem Backenknochen
eine großkalibrige Kugel eingedrungen war. Eine bläuliche Narbe verzog den
einen Mundwinkel zu einem bösartigen Grinsen, das ihn wie einen
leidenschaftlichen Vertreter der Theorie: »Wenn ich sterbe, wird das, verdammt
noch mal, später jemand büßen müssen« aussehen ließ. Im Augenblick wünschte
ich, ich hätte seinen Optimismus teilen können.
    Ich ließ den Bezug wieder
fallen und richtete mich auf. Das Karnickel betrachtete mich noch immer mit
hervortretenden Augen, als ob mein nüchterner grauer Anzug das verrückteste
Kostüm sei, das er je gesehen hatte.
    »Ich bin Lieutenant Wheeler«,
sagte ich. »Sie sind Greg Tallen ? Der Bursche, der
angerufen und den Mord gemeldet

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