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Eine Leiche zu Ferragosto

Eine Leiche zu Ferragosto

Titel: Eine Leiche zu Ferragosto
Autoren: Diana Fiammetta Lama
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Vorratskammer ausgeräumt. Ich muss Evelina anrufen.«
    »Aber ihr seht euch doch heute Abend!«
    »Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. In der Locanda di Bartomeu? Ich freue mich schon auf ein leckeres Essen mit Totani und Kartoffeln.«
    »Warst du nicht auf Diät?«
     
    Die Klingen der Schere blitzten stahlgrau auf. Santomauro schloss die Augen, während sie auf ihn zukam, die Schere fest in den Händen.
    Es war eine große Schere, mit massivem Griff und scharfen, sorgfältig polierten Klingen. Die Frau begann sie rhythmisch vor seinen Augen hin und her zu bewegen, wobei sie eine unverständliche Litanei vor sich hin summte.
    Der Maresciallo auf seinem niedrigen Korbsessel vor dem Kamin versuchte, sich nicht zu rühren. Am Anfang des Rituals war er immer unruhig, und das Ganze kam ihm eher lächerlich vor. Dann, nach und nach, begann er sich zu entspannen und vergaß seine unbequeme Position, vergaß seine Beine, die er irgendwie einziehen musste, aber keinesfalls überschlagen durfte, vergaß die Klingen, die gefährlich nah vor seinen Augen aufblitzten.
    Die Architektessa fing an zu gähnen, ein ausgiebiges Gähnen, das niemals enden zu wollen schien, und er gähnte mit ihr, während seine Augen von einem Detail zum anderen huschten und ihn ein wohltuender Frieden durchströmte. Der Kamin war peinlich sauber, auch wenn man sah, dass er täglich benutzt wurde, und überall drum herum, auf dem Sims, auf dem Boden und in der warmen Jahreszeit auch im Kamin selbst standen üppig wachsende Pflanzen von jeder Form und Größe. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war ein glänzender, prächtiger Blattwuchs, von einem Grün, wie Santomauro es noch nie innerhalb eines Haus gesehen hatte. Die Blätter waren fleischig, fest, makellos, und das in Verbindung mit den Ritualen, die sie an ihm vollzog, bestärkte ihn in dem Glauben, dass die Architektessa eine Hexe sei.
    Eine gute Hexe, aber trotzdem eine Hexe, die geheime Worte murmelte und ihre Schere vor seinen Augen tanzen ließ. Danach wäre das Messer an der Reihe, dann eine kleine Sichel und nach und nach weitere scharfe Werkzeuge, während die negativen Einflüsse langsam von ihm auf die Klingen übergingen. Und immer würde sie gähnen, dieses lange, ausgiebige Gähnen, von dem er sich anstecken ließ, ohne jemals zu wissen, ob es Teil des Rituals war oder nur ein kurioser Nebeneffekt.
    »Fertig, Maresciallo.« Die Stimme der Frau riss ihn aus seinen Gedanken.
    Sie hatte ihre Werkzeuge beiseitegeräumt und ihre Hand aufseine Schulter gelegt. »Dieses Mal habt Ihr lange mit dem Auge geschlafen. Ihr müsst häufiger kommen, sonst sammelt es sich an und lässt sich schwieriger lösen«, sagte sie mit einem letzten Gähnen.
    »Ich habe es Euch ja schon gesagt, wenn Ihr keine Zeit habt, kommt vorbei und lasst mir etwas von Euch hier. Ein Taschentuch, einen Stift, irgendetwas von Euch, und ich befreie Euch von dem Auge, ohne dass Ihr hier seid, wisst Ihr?«
    Santomauro nickte, er wusste es, sie wiederholte es ihm jedes Mal, doch er konnte ihr nicht sagen, dass ihre Anwesenheit, der warme Frieden, der ihn in der sauberen, wie in einem Gewächshaus duftenden Küche durchströmte, ungleich wichtiger waren als der böse Blick, den die Architektessa von ihm nahm.
    »Wollt Ihr ein Glas Wein?«
    Auch das war Teil des Rituals, sie bot ihm Wein an, egal zu welcher Tageszeit, am frühen Morgen, am Mittag oder am Abend, er willigte stets ein, und sie saßen und tranken in behaglichem Schweigen, das nur hin und wieder von einem Satz unterbrochen wurde.
    »Marescià.«
    »Ja, Venera.«
    »Dieses Mal war das Auge wirklich schlimm. Eine Frau hat es auf Euch geworfen. Passt auf. Erzählt niemandem private Dinge von Euch.«
    Er nickte lächelnd. Auch das sagte sie ihm jedes Mal. Doch als er sich verabschiedete, konnte er nicht an sich halten, drehte sich auf der Türschwelle noch einmal um und fragte scheinbar gleichgültig: »Blond oder dunkel?«
    Die Architektessa lächelte unter ihrem Bärtchen und erwiderte: »Dunkel. Dunkel, Marescià, so dunkel wie die Nacht.«
     
    Er hatte sich einen Videorekorder gekauft, neustes Modell, mit professionellem Bildstopp und Frame-by-frame-Funktion. Nun saß er im Dunkeln in seinem Sessel und blickte auf den Bildschirm.
    Valentina sah ihm schmollend in die Augen. Valentina lachtemit zusammengekniffenen Lidern in die Sonne. Valentina rannte, und ihre Haare wogten wie eine schwarze Welle um ihr Gesicht. Valentina las lächelnd ein Buch.
    Valentina in

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