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Eine Leiche zu Ferragosto

Eine Leiche zu Ferragosto

Titel: Eine Leiche zu Ferragosto
Autoren: Diana Fiammetta Lama
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festzusetzen. Doch er musste dichter ran, um das, was bis vor einigen Tagen ein Mensch gewesen war, aus der Nähe zu betrachten. Wahrscheinlich eine Frau, überlegte Santomauro, auch wenn sich das wegen der fortgeschrittenen Zersetzung nicht mit Sicherheit sagen ließ. Die Ratten und Krebse hatten ihre Arbeit bereits begonnen; die Augenhöhlen waren zwei dunkle Löcher, an Händen und Füßen fehlten die Glieder, ebenso das Gewebe an Wangen, Nase, Kinn sowie große Stücke aus den Leisten und der Brust. Die schlimmsten Verletzungen jedoch waren ihr ohne Zweifel von Menschenhand zugefügt worden. Tiefe und zahlreiche Wunden klafften in ihrem Oberkörper, im Unterleib, in den verdrehten und aufgedunsenen Beinen und Armen. Trotz der Zerstörung sah man, dass es ein gut gebauter Körper gewesen sein musste, die dichten, schwarzen Haare lagen wie ein Kranz um ihren Kopf, die Beine waren lang und schlank. Ein Gedanke nahm im Geiste des Maresciallo Gestalt an.
    »Seit wann liegen die Algen hier?«, wandte er sich an den Baggerführer, der neugierig und beinah misstrauisch jede seiner Bewegungen verfolgte.
    »Mal sehen … heute ist Donnerstag … Seit Sonntag. Sonntagnachmittag wurden sie am ganzen Strand zusammengekehrt,und heute sollte ich alles wegschaffen, fürs Wochenende. Das machen wir zwei oder drei Mal in der Hochsaison.«
    Santomauro nickte, während er gedankenverloren den in der Ferne heulenden Sirenen lauschte. Der Rechtsmediziner würde das Seine dazu sagen, doch in einem war er sich schon sicher: Die Frau in den Algen war seit mindestens zehn Tagen tot.
     
    »Vierzehn Tage, über den Daumen gepeilt.«
    Professor Leandro de Collis streifte sich die Schutzhandschuhe ab und warf sie angeekelt hinter sich. Untadelig wie immer, selbst im flaschengrünen Lacoste-Hemd und gleichfarbigen Shorts, überragte er mit seinen ein Meter neunzig die Carabinieri, die sich wie Kakerlaken um den Leichnam zu schaffen machten. Der Blick, mit dem er sie bedachte, war kaum freundlicher als der, mit dem er eine Ansammlung von Schaben gemustert hätte.
    »Hoffentlich richten sie keinen Schaden an. Der Abtransport fällt nicht in mein Ressort, aber ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Ihre Männer etwas verbocken. Mit dem Material tue ich selbstverständlich mein Möglichstes, aber erwarten Sie bitte keine Wunder. Sie hören von mir.«
    Ein Nicken des aristokratischen Hauptes mit dem schlohweißen, sorgsam gepflegten Haar, und weg war er. Erst als das Brummen des sich entfernenden Ferraris an sein Ohr drang, hörte Santomauro auf, die Zähne zu fletschen. Ganz abgesehen davon, dass der Professore die Toten, die das Pech hatten, auf seinem Seziertisch zu landen, als Material bezeichnete, woran der Maresciallo sich niemals gewöhnen würde, war es sein ganzes Gehabe, das bei ihm ein Gefühl von Schmirgelpapier auf nackter Haut auslöste. Bis vor wenigen Jahren hatte de Collis den Lehrstuhl für Rechtsmedizin an der Universität Rom innegehabt, woran er jedermann unaufhörlich erinnerte. Und das, obwohl er den Lehrstuhl hatte abgeben müssen, als er ziemlich überstürzt die Demission eingereicht hatte, um einen aufkeimenden Skandal um den illegalen Handel mit Augenhornhäuten und Sperma von Leichen zu vertuschen.
    Nun arbeitete er im Krankenhaus von Vallo della Lucania und schmückte sich immer noch mit dem Professorentitel, der wie gottgegeben an ihm hängengeblieben war, und obwohl er unbestritten der beste Rechtsmediziner der Gegend war, empfand Santomauro den Umstand, mit ihm zusammenarbeiten zu müssen, immer wie einen Tritt in die Eier. Im Sommer nun residierte der Professore leider in einer wunderschönen Villa in der Nähe von Pioppica, so dass seine Präsenz – und mit ihr der Tritt ins Gemächt – garantiert war.
    »Maresciallo, die Spurensicherung ist abgeschlossen. Der Leichnam wird jetzt weggebracht. Soll ich Sie zur Wache mitnehmen?« In Habachtstellung und diensteifrig wie immer stand der Gefreite Cozzone vor ihm. Santomauro seufzte. »Nein, danke, Pasquale, ich komme mit meinem Wagen nach, dann kann ich im Anschluss an meinen Bericht gleich nach Hause fahren.« Es widersprach all seinen Prinzipien, einen Untergebenen mit dem Vornamen anzureden, doch bei Pasquale Cozzone war er gezwungen, eine Ausnahme zu machen. Klein gewachsen, fast an der Grenze des für das Heer vorgeschriebenen Mindestmaßes, dazu geplagt von einer außergewöhnlich großen Anzahl an Muttermalen, die sich dick und haarig über

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