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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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Busch«, sagte Agustine und umschrieb dabei mit dem Arm einige fünfhundert Quadratmeilen Urwald. »Sie da in irgendein Loch im Boden.«
    »Große Boa?« fragte ich.
    »Wah! Groß?« rief Agustine aus. »Sie ganz-ganz groß.«
    »Sie groß wie das«, sagte der Riese und schlug dabei auf seine Schenkel, die so massig wie die eines Ochsen waren.
    »Wir gehen in Busch seit Morgenzeit, Sah«, rief jetzt wieder Agustine. »Einmal wir sehen diese Boa. Wir laufen schnell-schnell, aber kein Glück. Diese Schlange zu viel Kraft. Sie kriechen in Loch im Boden. Wir keinen Strick. So wir nicht können fangen.«
    »Ihr laßt einen Mann dieses Loch bewachen, damit Boa nicht davonrennt?« fragte ich.
    »Ja, Sah. Wir lassen zwei Mann bei dies Loch.«
    Ich wandte mich an Bob. »Also, hier ist deine Chance. Eine echte Python, versteckt in einer Höhle. Sollen wir hingehen und einen Versuch machen?«
    »Selbstverständlich, ja! Laß uns sofort gehen und sie fangen!« rief Bob.
    Ich wandte mich wieder an Agustine.
    »Wir gehen diese Schlange ansehen, Agustine, eh?«
    »Ja, Sah.«
    »Ihr wartet kurze Zeit, wir kommen. Wir holen Strick und Fangnetz.«
    Bob stürzte zu unseren Sachen, um Seil und Netz zu holen. Ich füllte einige Flaschen mit Wasser und stöberte unseren Stalljungen Ben auf, der vor der Hintertür hockte und mit einem jungen und charmanten schwarzen Mädchen flirtete. »Ben, laß das arme Weibsbild in Ruhe und mach dich fertig. Wir gehen in Busch und fangen Boa.«
    »Ja, Sah.« Ben verließ nur zögernd seine Freundin. »Wo diese Boa?«
    »Agustine sagt, sie sei in einem Loch im Boden. Darum brauche ich dich. Wenn Loch zu eng ist und Mr. Golding und ich nicht hineinpassen, mußt du hinein und Boa fangen.«
    »Ich, Sah?«
    »Ja, du. Ganz allein.«
    »Gut.« Er grinste ergeben. »Ich nicht fürchten, Sah.«
    »Du lügst«, sagte ich. »Du weißt, du fürchtest dich sehr.«
    »Ich nicht fürchten, wirklich, Sah«, sagte Ben würdevoll. »Ich Masa nie erzählen, wie ich töten Buschkuh?«
    »Ja, du hast mir’s zweimal erzählt; aber ich glaube dir nicht. Nun, lauf zu Mr. Golding, hol Seile und Fangnetze, schnell:«
    Der Weg in die Gegend, in der unsere Beute auf uns wartete, führte uns den Hügel hinab ans Flußufer. Dann mußten wir den Fluß mit einer Fähre überqueren. Diese Fähre war ein großes bananenförmiges Kanu, das vor etwa dreihundert Jahren gebaut zu sein und seitdem langsam zu verfallen schien. Das Kanu bediente ein uralter Mann, der aussah, als wenn er jeden Augenblick einem Herzanfall erliegen würde. Begleitet wurde er von einem kleinen Jungen, der das Wasser ausschöpfen mußte. Der Kampf des Jungen mit dem Wasser war hoffnungslos; er arbeitete mit einer winzigen verrosteten Blechbüchse, und die Planken des Kanus schienen so wenig wasserdicht wie ein Küchensieb zu sein. Wenn man das gegenüberliegende Ufer erreicht hatte, saß man unweigerlich 15 Zentimeter tief im Wasser. Als wir mit unseren Siebensachen bei den ausgewaschenen Stufen der Granitklippe, die den Landeplatz darstellen, ankamen, lag die Fähre am anderen Ufer. Während Ben, Agustine und der riesige Afrikaner (den wir Gargantua getauft hatten) ihre Stimmen erhoben und dem Fährmann zuriefen, so schnell wie möglich zurückzukommen, hockten Bob und ich uns in den Schatten und beobachteten das Mamfe-Volk, das in dem braunen Wasser unter uns badete und seine Wäsche wusch.
    Schwärme kleiner Jungen sprangen schreiend von den Klippen, platschten ins Wasser und schossen an die Oberfläche zurück. Ihre Handflächen und Fußsohlen schimmerten rosa wie Muscheln, ihre braunen Körper wie polierte Schokolade. Die etwas zimperlichen Mädchen behielten beim Baden ihren Sarong an, der, wenn sie den Fluten entstiegen, ihnen so fest am Körper klebte, daß für die Phantasie nichts mehr übrigblieb. Ein Knirps von kaum fünf Jahren bewegte sich behutsam die Klippen hinunter, die Zunge vor Eifer vorgestreckt, auf dem Kopf einen enormen Wasserkrug balancierend. Als er den Fluß erreichte, blieb er nicht etwa stehen, um den Krug abzusetzen oder den Sarong auszuziehen. Er ging geradewegs ins Wasser und watete langsam und entschlossen in den Fluß hinein, bis er verschwunden war. Nur ein Krug glitt geheimnisvoll über das Wasser. Schließlich verschwand auch er. Für einen Augenblick war nichts mehr zu sehen, dann kam der Krug wieder zum Vorschein, und schließlich tauchte auch der Junge darunter wieder auf. Laut prustend stieß er die Luft aus und kämpfte

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