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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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unbewohnten Gebietes, dort, wo der Cross-River beginnt schiffbar zu werden. Während meiner beiden früheren Aufenthalte in Kamerun hatte ich dort gute Fangergebnisse erzielt. Mit einem eindrucksvollen Geleitzug von drei Lastwagen zogen wir von Viktoria los. Jacquie und ich fuhren im ersten, Bob, unser junger Gehilfe, im zweiten und Sophie, meine leidgewohnte Sekretärin, im letzten Wagen. Die Fahrt war heiß und staubig. Hungrig, durstig und von Kopf bis Fuß mit einer dünnen roten Staubschicht bedeckt, kamen wir während der kurzen Dämmerung des dritten Reisetages in Mamfe an. Man hatte uns geraten, mit dem Leiter der »United Africa Company« Verbindung aufzunehmen. So dröhnten denn unsere Fahrzeuge die Anfahrt hinauf und hielten kreischend vor einem imponierenden, hellerleuchteten Haus.
    Das Haus lag augenscheinlich am besten Platz von ganz Mamfe, auf einem konisch geformten Hügel, dessen eine Seite an die Schlucht grenzte, durch die der Cross-River floß. Vom Ende des Gartens, der mit der unvermeidlichen Hibiskushecke eingefaßt war, konnte man direkt in die 120 Meter tiefe Schlucht sehen, an deren Wänden ein Durcheinander von Gestrüpp und höheren Bäumen unsicher klebte. Es waren zehn Meter hohe Klippen aus gefaltetem Granit, überwuchert von wilden Begonien, Moosen und Farnen. Am Fuß der Klippen wand sich der Fluß wie ein brauner gekrümmter Muskel durch leuchtend-weiße Sandbänke und gerippte Felsplatten. Kleine Flecken Ackerland reihten sich auf der anderen Seite am Ufer entlang. Dahinter erhob sich der Wald in Hunderten von Farben und Schattierungen und erstreckte sich bis in die Unendlichkeit, bis er im Dunst der Entfernung nur noch wie ein undeutliches, zitterndes und schäumendes grünes Meer erschien.
    Als ich mich aus dem glühenden Innern unseres Wagens gewunden hatte und auf festem Boden stand, war mir nicht gerade danach, die Aussicht zu bewundern. Was ich brauchte, war ein Drink, ein Bad und etwas zu essen — genau in dieser Reihenfolge. Aber fast genauso nötig schien mir eine Holzkiste für das erste Tier, das wir erworben hatten. Es war eine Rarität, ein junges, schwarzfüßiges Mungoweibchen, das ich von einem Eingeborenen erstand, als wir uns in einem etwa 40 Kilometer zurückliegenden Dorf etwas Obst kauften. Ich war entzückt, daß wir unsere Sammlung mit einer solchen Seltenheit beginnen sollten. Doch nach einem zweistündigen Kampf mit der jungen Dame auf dem Vordersitz des Wagens begann meine Begeisterung zu schwinden. Als erstes wollte das Mungofräulein jeden Winkel unseres Fahrzeugs inspizieren. Da ich fürchtete, sie würde sich in den Gängen des Motors verheddern und womöglich ein Bein brechen, sperrte ich sie in mein Hemd ein. Während der ersten halben Stunde kroch sie laut schniefend an mir herum. In der zweiten unternahm sie mehrere entschlossene Versuche, mit ihren scharfen Krallen ein Loch in meine Haut zu graben. Als ich sie schließlich überredete, diese Beschäftigung aufzugeben, begann sie heftig und voller Hoffnung an meinem Bauch herumzusaugen. Dabei berieselte sie mich mit einem warmen und stechenden, scheinbar endlosen Strom aus ihrer kleinen Blase. Meinem schon schmutzigen und verschwitzten Äußeren machte das nicht mehr viel aus. Als ich dann die Treppe zum Haus des U.A.C.-Managers hinaufstieg, und der Mungoschwanz aus meinem uringetränkten Hemd herausbaumelte, sah ich — gelinde gesagt — ziemlich exzentrisch aus. Ich holte tief Luft und versuchte, gelassen dreinzuschauen, als ich in das hellerleuchtete Wohnzimmer trat, in dem drei Männer um einen Kartentisch saßen. Fragend schauten sie auf. »Guten Abend«, sagte ich und fühlte mich ziemlich fehl am Platze. »Mein Name ist Durrell.«
    Ich überlegte, daß dies seit Stanley und Livingstone wohl nicht gerade die vielsagendste Bemerkung in Afrika war. Ein kleiner, dunkler Herr stand auf und kam höflich lächelnd auf mich zu. Das lange schwarze Haar fiel ihm dabei in die Stirn. Er streckte die Hand aus und schüttelte die meine. Er überging mein unvermitteltes Auftreten und meine ungewöhnliche Aufmachung und sah mich aufmerksam an.
    »Guten Abend«, sagte er, »spielen Sie etwa Kanasta?«
    »Nein«, antwortete ich ziemlich erstaunt, »leider nicht.«
    Er seufzte, als ob seine düstersten Befürchtungen sich bewahrheitet hätten. »Schade, wirklich schade«, sagte er. Dann legte er den Kopf zur Seite und blickte mich aufmerksam an. »Wie, sagten Sie, war Ihr Name?«
    »Durrell, Gerald

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