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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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Felsen lagen in mächtigen Schichten wie unordentliche Packen versteinerter, mit Moos überwachsener Zeitschriften. Die Bäume auf den Klippen ließen ihre Zweige weit über das Wasser hängen. So fuhren wir in einem sich schlängelnden Kurs durch einen Schattentunnel. Von Zeit zu Zeit störten wir einen Königsfischer auf, der wie eine schnelle blaue Sternschnuppe über unseren Bug schoß; oder einen schwarz-weißen Kiebitz, der stromauf davonflatterte und närrisch in sich hineinkicherte; seine Füße streiften das Wasser, und die langen gelben Schläfenlappen flatterten grotesk zu beiden Seiten des Schnabels.
    Allmählich fuhren wir die Flußschleife entlang. Jetzt lag etwa 300 Meter vor uns am gegenüberliegenden Ufer die weiße geriffelte Masse der Sandbank. Der alte Mann brummte erleichtert und paddelte schneller.
    »Fast angekommen«, sagte ich fröhlich, »und nirgends ein Flußpferd.«
    Die Worte waren mir kaum entschlüpft, als sich ein Fels, an dem wir in fünf Meter Entfernung vorbeifuhren, aus dem Wasser hob und uns mit runden, erstaunten Augen anstarrte. Gleichzeitig spie er wie ein kleiner Walfisch zwei zierliche Fontänen aus.
    Zum Glück widerstand unsere tapfere Mannschaft der Versuchung, aus dem Boot zu springen und an Land zu schwimmen. Der alte Mann zog den Atem pfeifend ein, tauchte das Paddel tief ins Wasser und stoppte das Kanu mit einem kurzen, Blasen aufwirbelnden Schlag. Da saßen wir nun und starrten das Flußpferd an, und das Flußpferd saß da und starrte uns an. Das Flußpferd schien noch erstaunter als wir. Sein pausbäckiges, rosagraues Gesicht schwamm wie eine Geistererscheinung auf der Wasseroberfläche. Mit großen Augen, die uns so unschuldig wie ein Baby abschätzten, betrachtete es uns. Mit den vor- und zurückflappenden Ohren schien es uns zuzuwinken. Es seufzte tief und kam — mit zwei aufgesperrten Augen erstaunt dreinblickend — einen Meter näher. Da stieß Agustine auf einmal einen schrillen Schrei aus, daß wir hochsprangen und dabei das Kanu fast umkippten. Wütend stießen wir ihn an und brachten ihn zur Ruhe. Währenddessen schätzte uns das Flußpferd weiter unverfroren ab.
    »Keine Angst«, sagte Agustine mit lauter Stimme, »das sein Frau.«
    Er nahm dem widerstrebenden Alten das Paddel fort und schlug mit dem Blatt aufs Wasser. Ein Sprühregen schoß hoch. Das Flußpferd öffnete das Maul zu einem gigantischen Gähnen und präsentierte eine Zahnreihe, die man gesehen haben muß, um sie für möglich zu halten. Dann sank der Kopf plötzlich — anscheinend ohne jede Muskelbewegung — unter Wasser. Einen Augenblick geschah nichts. Doch waren wir alle überzeugt, daß das Tier unmittelbar unter uns durchs Wasser schwamm. Dann tauchte der Kopf wieder auf, zu unserer Erleichterung einige zwanzig Meter stromaufwärts. Es stieß zwei Fontänen aus, wackelte graziös mit den Ohren und versank wieder.
    Der Alte brummte und zog Agustine das Paddel aus der Hand.
    »Agustine, warum du machen so dumme Sachen?« fragte ich mit energischer, scharfer Stimme.
    »Sah, das Ipopo kein Mann... das Ipopo Frau«, erklärte Agustine und schien über den Zweifel an ihm verletzt zu sein.
    »Woher weißt du?« fragte ich.
    »Masa, ich kennen all diese Ipopo in dies Wasser«, erklärte er.
    »Dies Ipopo Frau, wenn Ipopo Mann, er uns alle auffressen. Aber Ipopo Frau nicht so starken Kopf wie Mann.«
    »Nun, danken wir Gott für das schwächere Geschlecht«, sagte ich zu Bob. Der Alte, plötzlich von einer ungeheuren Energie besessen, schoß mit seinem Kanu quer über den Fluß, so daß es in die Kieselsteine auf der Sandbank stieß. Wir luden unsere Ausrüstung aus, sagten dem Alten, er solle auf uns warten und machten uns in Richtung auf das Pythonversteck auf.
    Zuerst führte unser Weg durch Ackerland der Eingeborenen, auf dem gefällte Baumriesen herumlagen und verrotteten. Zwischen ihnen hatte sich niedrige Cassava angesiedelt, so daß der Boden brachlag und das Buschwerk des Waldes — Dornenpflanzen, Winden und andere Rankengewächse — in die Lichtung vorgedrungen war und alles zudeckte. Auf diesen unbebauten Feldern herrschte reges Leben. Als wir uns durch das undurchdringliche Gestrüpp zwängten, waren wir von Hunderten von Vögeln umgeben. Hübsche kleine Tyrannen schwebten in der Luft und hoben sich blau wie Pulverrauch von der grünen Fläche ab. In den dämmrigen Nischen der umrankten Baumstümpfe huschten Rotkehlchen-Schmätzer auf der Suche nach Grashüpfern keck umher und

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