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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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sahen dabei unseren englischen Rotkehlchen erstaunlich ähnlich. Eine Elster schoß vor uns in die Höhe und flog mit scharfem Warnruf schwerfällig davon. Im Dickicht eines Dornbuschs, der mit rosa Blüten bedeckt war, summten dicke, blaue Bienen, und eine Singdrossel überschüttete uns mit einem Wasserfall süßer Töne. Eine Strecke lang wand sich der Pfad durch das feucht-heiße, hüfthohe Gestrüpp, bis er ganz plötzlich ins Freie führte, hinaus in ein goldenes Grasfeld, das im Sonnenglast vibrierte.
    Solche Grasfelder sind für das Auge sehr reizvoll, doch sind sie unbequem zu durchwandern. Das Gras ist hart und spitz und wächst in Büscheln, die dem unachtsamen Wanderer gern ein Bein stellen. An anderen Stellen lagen graue Felsflächen in der Sonne ausgebreitet, die von Millionen winziger Glimmersplitter übersät waren und die Augen blendeten. Die Sonne prallte auf unsere Nacken, ihr Widerschein wurde von der glänzenden Felsfläche zurückgeworfen und traf das Gesicht mit der Glut eines Ofens. Der Schweiß strömte an uns herunter.
    »Ich hoffe, dieses verfluchte Reptil hat sich einen schattigen Platz für seine Höhle ausgesucht«, sagte ich zu Bob. »Auf den Felsen hier könnte man Spiegeleier braten.«
    Agustine trottete eifrig vor uns her. Sein Sarong hatte sich allmählich von Scharlachrot in Weinrot verfärbt, so naß war er geschwitzt. Er drehte sich um und grinste mich mit einem von Schweißtropfen gesprenkelten Gesicht an. »Masa heiß?« fragte er besorgt.
    »Ja, zu heiß«, antwortete ich. »Diese Stelle noch weit?«
    »Nein, Sah, sein da«, sagte er und zeigte nach vorn. »Masa nicht sehen Mann, ich lassen für Wache?«
    Ich folgte seinem ausgestreckten Finger und konnte in der Ferne ein Gebiet erkennen, in dem die Felsen durch einen vulkanischen Ausbruch der Vergangenheit wie Bettzeug zusammengeworfen und zerknittert waren und ein kleines Kliff bildeten, das diagonal durch das Grasfeld lief. Oben auf dem Kliff konnte ich die Gestalten zweier Jäger erkennen, die geduldig in der Sonne hockten. Als sie uns sahen, standen sie auf und schwenkten ihre gefährlich aussehenden Speere zu unserer Begrüßung.
    »Sie sein in Loch?« bellte Agustine ängstlich.
    »Sie da, sie da!« riefen sie zurück.
    Als wir am Fuß des kleinen Kliffs ankamen, wußte ich, warum die Python sich diesen Fleck zum Quartier gewählt hatte. Die Felsfläche war von einer Reihe flacher Höhlen aufgespalten, die Wind und Wasser glattgewaschen hatten. Alle diese Höhlen waren miteinander verbunden; die ganze Reihe stieg leicht auf das Kliff zu, so daß ein Bewohner keine Sorge zu haben brauchte, in der feuchten Jahreszeit naß zu werden. Die Öffnung jeder Höhle war etwa zweieinhalb Meter breit und einen Meter hoch. Da blieb jedem anderen Lebewesen außer einer Schlange kaum Platz zum Manövrieren. Die Jäger hatten das Gras um die Höhle herum in Brand gesetzt in der Hoffnung, die Schlange auszuräuchern. Die Python hatte nicht darauf reagiert. Wir jedoch mußten uns jetzt bis zu den Knöcheln in einer dicken Schicht von Holzkohle und federleichter Asche bewegen.
    Bob und ich legten uns auf den Bauch und schlängelten uns Schulter an Schulter in die Öffnung der Höhle, um die Python auszumachen und einen Schlachtplan zu entwerfen. Es stellte sich heraus, daß sich die Höhle etwa einen Meter einwärts verengte und nur noch Platz für einen Menschen ließ, der sich fest an den Boden pressen mußte. Nach dem blendenden Sonnenschein draußen schien es drinnen doppelt düster. Wir konnten nichts erkennen. Das einzige Anzeichen für das Vorhandensein der Schlange war ihr vernehmliches mürrisches Zischen, sobald wir uns bewegten. Wir riefen nach einer Taschenlampe. Als sie ausgepackt und zu uns hereingereicht war, richteten wir ihren Strahl in die enge Öffnung.
    Ewa drei Meter vor uns endete der Gang in einer runden Vertiefung. Darin lag die Python zusammengerollt und glänzte im Lichtstrahl wie frisch poliert. Sie war etwa viereinhalb Meter lang und so dick, daß wir Gargantua verziehen, ihren Umfang mit seinem Schenkel verglichen zu haben. Außerdem war das Tier äußerst schlechter Laune. Je länger wir den Strahl der Taschenlampe auf sie richteten, desto ausdauernder und schriller wurde das Zischen, bis es zu einem furchtsamen Schrei anschwoll. Wir krochen zurück in die Sonne und richteten uns auf. Die dicke Aschenschicht, die sich an unsere verschwitzten Körper geheftet hatte, färbte uns fast so schwarz wie unsere

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