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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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Durrell.«
    »Ach, du meine Güte!« rief er aus. Ihm schien ein Licht aufzugehen. »Sind Sie etwa der verrückte Tigerfänger, vor dem der Chef mich gewarnt hat?«
    »Vermutlich ja.«
    »Aber, mein Freund, ich habe Sie schon vor zwei Tagen erwartet. Wo haben Sie so lange gesteckt?«
    »Wir wären vor zwei Tagen hier gewesen, wenn unsere Laster nicht mit so eintöniger Regelmäßigkeit gestreikt hätten.«
    »Diese einheimischen Wagen sind verflucht unzuverlässig«, sagte er, als ob er mir damit ein Geheimnis anvertraue. »Möchten Sie etwas trinken?«
    »Nichts mehr als das«, sagte ich inbrünstig. »Kann ich die anderen hereinholen? Sie warten draußen.«
    »Selbstverständlich, bringen Sie nur alle rein. Und für alle ist was zu trinken da.«
    »Tausend Dank«, sagte ich und wandte mich zur Tür.
    Mein Gastgeber ergriff meinen Arm und zog mich zurück. »Sagen Sie mal, alter Junge«, flüsterte er heiser, »ich will ja nicht aufdringlich sein, vielleicht macht das der Gin, den ich getrunken habe, aber wackelt Ihr Bauch immer so?«
    »Nein«, sagte ich todernst, »das ist nicht mein Bauch. Ich habe einen Mungo in meinem Hemd.«
    Einen Augenblick starrte er mich an. »Eine sehr einleuchtende Erklärung«, meinte er schließlich.
    »Ja«, antwortete ich, »und der Wahrheit entsprechend.«
    Er seufzte. »Nun, solange es nicht vom Gin kommt, ist es mir gleich, was Sie in Ihrem Hemd haben«, sagte er großzügig. »Holen Sie die anderen herein, und dann wollen wir einer oder zwei Flaschen den Hals brechen, bevor wir essen.«
    Wir machten es uns also in John Hendersons Haus bequem. In wenigen Tagen wurde aus ihm der bedauernswerteste Gastgeber der afrikanischen Westküste. Es ist von einem Mann, der seine Ruhe liebt, schon großzügig, vier Fremde bei sich aufzunehmen. Wenn dieser Mann, der obendrein noch allem Getier gegenüber äußerst mißtrauisch ist, vier Tierfänger einlädt zu bleiben, fehlt es an Worten, seinen Heroismus zu beschreiben. Denn innerhalb von vierundzwanzig Stunden waren außer dem Mungo noch ein Eichhörnchen, ein Buschbaby und zwei Affen auf der Veranda untergebracht. Während John sich daran gewöhnte, daß seine Beine von einem halbausgewachsenen Pavian umarmt wurden, sobald er einen Fuß vor die Tür setzte, schickte ich an alle mir bekannten Jäger der Umgebung Nachricht, bat sie zu kommen und beschrieb ihnen die Tiere, die ich haben wollte. Dann legten wir die Hände in den Schoß und warteten. Es dauerte eine Weile, bis eines Nachmittags ein Jäger der Gegend mit Namen Agustine erschien. Wie er so den Weg heruntertrabte, sah er mit seinem knallrot und blau gemusterten Schurz wie ein eleganter mongolischer Fürst aus. Ihn begleitete der riesigste Westafrikaner, der mir je unter die Augen kam. Der große, finster dreinblickende Kerl war mindestens zwei Meter lang. Sein Gesicht war, im Gegensatz zu Agustines goldbraunem Teint, pechschwarz. Er stampfte auf riesigen Füßen neben ihm her; vor den Stufen der Veranda machten sie halt. Agustine strahlte. Sein Gefährte hingegen starrte uns so interessiert an, als schätze er unser Nettogewicht nach kulinarischen Gesichtspunkten ab.
    »Guten Morgen, Sah«, sagte Agustine. Dabei zog er seinen leuchtend bunten Sarong enger um die schlanken Glieder.
    »Guten Morgen, Sah«, intonierte der Riese mit einer Stimme, die wie ferner Donner dröhnte.
    »Guten Morgen... ihr bringt Fleisch?« fragte ich hoffnungsvoll, obwohl sie allem Anschein nach keine Tiere bei sich hatten.
    »Nein, Sah«, sagte Agustine betrübt, »wir haben nicht Fleisch, wir kommen fragen Mask, ob Masa uns will borgen Stückchen Strick.«
    »Einen Strick? Was wollt ihr mit einem Strick?«
    »Wir finden große Boa, Sah, im Busch. Aber wir können nicht fangen, wenn wir nicht haben Strick, Sah.«
    Bob, der Spezialist für Reptilien war, fuhr hoch. »Boa?« fragte er aufgeregt, »was soll das heißen, Boa?«
    »Sie meinen eine Python«, erklärte ich ihm. Das Schwierigste am Pidgin-Englisch für den Naturwissenschaftler ist, daß die Eingeborenen meistens falsche Namen auf die Tiere anwenden. Pythons nennen sie Boas, Leoparden Tiger und so weiter. Bobs Augen leuchteten fanatisch. Seit dem Augenblick, als wir in Southampton an Bord gegangen waren, hatte er fast ausschließlich von Pythonschlangen gesprochen. Er würde erst zufrieden sein, wenn wir auch eine Python in unserer Sammlung hätten. »Wo ist die Python?« fragte er. Seine Stimme zitterte vor schlecht verhohlenem Eifer.
    »Da, im

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