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Dunkle Schwinge Bd. 2 - Der dunkle Pfad

Dunkle Schwinge Bd. 2 - Der dunkle Pfad

Titel: Dunkle Schwinge Bd. 2 - Der dunkle Pfad
Autoren: Walter H. Hunt
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1. Kapitel
     
     
    In seinem Traum sah er eine übel zugerichtete Landschaft, die gleich hinter dem Hügelkamm die Narben einer Schlacht trug. Eine Rauchwolke zog nahe der Stelle vorbei, an der er sich zusammengekauert hatte. Er konnte die Schreie der Verwundeten hören und den Gestank des Krieges riechen -Blut, Feuer und Tod.
    Er betrachtete sich selbst, musterte das antike zeremonielle Schwert, das in einer Scheide an seinem Gürtel steckte. Seine Beine waren jung und stark, nicht alt und verkümmert. Dieser Anblick unterstrich den Traumzustand und machte ihn nur noch greifbarer. Doch dieses Gefühl! Er hatte vergessen, wie es war, jung zu sein.
    Die Begeisterung, die diese Wahrnehmung auslöste, schwand gleich wieder, als ihm im Traum bewusst wurde, Wohin sein hsi gebracht worden war.
    Dies ist die Ebene der Schmach, sagte er sich, während eine Explosion den Wall erschütterte.
    Die Ebene der Schmach – der Ort, an den sich der Held Qu’u begeben hatte, um an das gyaryu zu gelangen, das er nun trug, um sich anGa’e’ren zu stellen und das Klagelied vom Gipfel anzustimmen. Seine Vertrautheit mit der Legende und sein Wissen um die symbolische Bedeutung dieses geistigen Konstrukts ließen ihn schaudern.
    Er zwang sich, am Hang entlangzueilen und den Kopf gesenkt zu halten. Ob Traumkonstrukt oder nicht, Tatsache war, dass seine Beine ihn trugen. Doch nachdem er so lange Zeit nicht zu solchen Bewegungen fähig gewesen war, stellte es für ihn eine ungewohnte und fast schon fremdartige Tätigkeit dar.
    Er erreichte das Ende des flachen Kamms, der in eine weite Ebene mit hohen, aufrecht stehenden Findlingen überging. Dahinter schien sich ein breites Tal zu öffnen. Erhellt wurde diese Szene nur durch unheimlich wirkende Lichtblitze – oder handelte es sich dabei womöglich um Artilleriefeuer?
    Jenseits des Tals konnte er eine riesige schwarzblaue Wand ausmachen, die sich zu beiden Seiten und nach oben so weit erstreckte, wie er sehen konnte. Unter Aufbietung all seiner Willenskraft gelang es ihm, den Blick nach oben zu richten, bis er den Kopf in den Nacken legen musste. In einer unglaublichen Höhe konnte er eine Art Festung erkennen, ein ausladendes Bauwerk mit Türmen und Nebengebäuden.
    Die Eiswand: die Feste der Schmach.
    Wenigstens konnte er überhaupt nach oben sehen. Nur Helden waren in der Lage, auf der Ebene der Schmach den Kopf zu heben.
    Deine Phantasie wird dich noch umbringen, alter Mann, sagte er sich, doch es schien ihn nicht zu beruhigen. Dieser Traum entsprang nicht seiner eigenen Phantasie. Nicht einmal er wäre in der Lage gewesen, sich die Ebene der Schmach, die Eiswand und die Feste vorzustellen, zumindest nicht so detailliert.
    Es war das Schwert, das sein hsi herschickte. Du hast es angenommen, hielt er sich vor Augen.
    Es war ein shNa’es’ri, auch wenn das unvermeidbar schien.
    Sechzig Jahre zuvor war ihm das gyaryu, das Reichsschwert der Zor, vom Hohen Lord angeboten worden. Er hatte es damals so angenommen wie der Admiral vor ihm. Ihm war bewusst gewesen, was er da tat und welche Konsequenzen es nach sich zog – so wie er auch wusste, was dies hier bedeutete.
    Behutsam bahnte er sich seinen Weg zwischen den Findlingen hindurch, während er das gyaryu vor sich hielt. In seinen Händen fühlte es sich an, als sei es lebendig, als würde es den Ort anknurren, den es selbst gefunden hatte. Das Tal, in das er sich begab, war in Nebel gehüllt. Es war ein I7e, auch wenn es großflächiger war, einer menschlichen Siedlung ähnlicher als einer der Zor. Leute bewegten sich dort zu Fuß fort oder flogen umher, doch keiner von ihnen nahm seine Anwesenheit zur Kenntnis. Als er näher kam, schien sich manche Flügelhaltung zu verändern, als nehme sie eine längst vergessene Stellung ein, die Ehrerbietung oder Respekt bedeutete. In den meisten Fällen vermittelte die Haltung jedoch nichts weiter als Hoffnungslosigkeit.
    Je näher er dem Zentrum des L'le kam, umso weniger aktive Zor sah er. In immer größerer Zahl waren sie in einer bestimmten Position erstarrt – wie Statuen oder groteske Schachfiguren, die man einfach an beliebigen Stellen platziert hatte.
    Das Tal der verlorenen Seelen, dachte er.
    Am anderen Ende des Tals endete die Siedlung genau an der dunklen, glatten Oberfläche der Eiswand. Inzwischen konnte er auch die Gefahrvolle Stiege erkennen, jenen Kletter-/Flugpfad nach oben, der letztlich zur Feste führte. Am Fuß der Stiege stand ein Zor, den Blick abgewandt, die Flügel in

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