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Du oder die grosse Liebe

Du oder die grosse Liebe

Titel: Du oder die grosse Liebe
Autoren: Simone Elkeles
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konzentriere mich ganz auf Marco. Okay, ich habe dir gesagt, dass ich dich liebe. Jetzt bist du dran, es zu erwidern, so wie du es mir ins Ohr geflüstert hast, als wir uns das erste Mal liebten. Dann werde ich dir erzählen, dass meine Periode diesen Monat überfällig ist und ich dabei bin, den Verstand zu verlieren. Und dann wirst du mir sagen, dass alles gut wird und wir das gemeinsam durchstehen werden.
    Er lächelt. Mehr oder weniger. Ein Mundwinkel ist nach oben gezogen, als sei er amüsiert. Ich hatte nicht auf amüsiert abgezielt. Ich hatte mir eher tiefe Zuneigung und Hingabe erhofft – Zeichen dafür, dass es richtig ist, ihm mein Geheimnis anzuvertrauen. Ich blicke auf den Michigan See hinaus und wünsche mir, wir wären nicht hier draußen, und ich bete, dass nicht plötzlich jemand von unserer Schule auftaucht. Ich schlinge die Arme um den Oberkörper. Noch ist es nicht besonders warm in Illinois, und der Wind, der vom See her weht, lässt mich zittern. Oder vielleicht ist es auch die Aufregung.
    »Ich erwarte nicht, dass du es auch sagst«, behaupte ich, um das Schweigen zu brechen, selbst wenn es eine fette Lüge ist. Natürlich erwarte ich von Marco, dass er die Worte erwidert. Ich möchte sie nicht bloß zu besonderen Gelegenheiten hören oder wenn wir miteinander schlafen.
    Das erste Mal hat er sie nach dem Homecoming-Ball letzten September gesagt. Dann an Silvester. Und am Valentinstag. Und an meinem Geburtstag. Ich liege so oft nachts allein in meinem Bett und stelle mir vor, dass unsere Liebe ewig währen wird.
    Wir haben nicht dieselben Freunde, weil wir in unterschiedlichen Gegenden von Fairfield leben, aber das hat noch nie eine Rolle gespielt. Wir haben dafür gesorgt, dass es funktioniert. Nach der Schule gehen wir normalerweise zu mir und … sind einfach zusammen.
    Und jetzt bekommen wir vielleicht ein Baby. Wie wird er auf die Neuigkeit reagieren?
    Heute ist der letzte Tag unseres ersten Highschool-Jahres, der letzte Schultag vor den Sommerferien. Marco hat vorgeschlagen, zum Strand zu gehen, als ich ihm sagte, dass wir reden müssten.
    Ich hielt das für eine gute Idee. Der Strand ist unser besonderer Ort.
    Hier am Strand haben wir uns letzten Sommer zum ersten Mal geküsst. Er hat mich hier in der zweiten Schulwoche gefragt, ob ich seine feste Freundin sein will. Im Januar haben wir an diesem Strand an einem verschneiten Tag Schneeengel gemacht. Wir kommen hierher, um unsere Geheimnisse miteinander zu teilen, so wie einmal, als er mir erzählt hat, wo Gangmitglieder über die ganze Stadt verteilt ihre Waffen verstecken, damit die Polizei sie nicht damit erwischt. Marco hat sein Leben lang Typen gekannt, die bis zum Hals drin-stecken.
    Er weicht einen Schritt von mir zurück, und ich bekomme auf der Stelle Gänsehaut, als wüsste mein Körper, dass außer dem Wind, der vom See her weht, noch etwas anderes im Anflug ist. Er fährt mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar. Dann seufzt er. Zweimal.
    »Ich finde, wir sollten uns auch wieder mit anderen treffen«, murmelt er.
    Ich neige meinen Kopf zur Seite. Offensichtlich habe ich ihn nicht richtig verstanden.
    Es gibt ein paar Sätze, die ein Mädchen zu hören erwartet, nachdem sie ihrem Freund ihre Liebe erklärt hat. Mir fallen auf Anhieb etliche ein, aber Ich finde, wir sollten uns auch wieder mit anderen treffen gehört nicht dazu.
    Ich bin sprachlos. Und ich kann nicht aufhören zu zittern, weil mir durch den Kopf schießt, wie es sein wird, ohne ihn an meiner Seite schwanger zu sein, ohne dass er lächelt und sagt, dass alles gut werden wird.
    »W-w-warum?«
    »Du hast immer gesagt, du würdest nicht mit einem Gangmitglied gehen – und ich werde bald eins sein.«
    »Na klar würde ich nicht mit einem Gangmitglied gehen«, platze ich heraus. »Vor zwei Tagen erst hast du mir gesagt, du würdest niemals in die Gang einsteigen, Marco. Es war kurz bevor wir uns geliebt haben, erinnerst du dich?«
    Er zuckt zusammen. »Ich habe viele Dinge gesagt, die ich wahrscheinlich besser nicht gesagt hätte. Und könntest du bitte aufhören, von Liebe machen zu reden … jedes Mal wenn du es so nennst, komme ich mir vor wie ein Stück Scheiße.«
    »Wie soll ich es denn sonst nennen?«
    »Sex.«
    »Einfach nur Sex, hm?«
    Er verdreht die Augen, und ich spüre, wie sich als Antwort mein Magen hebt. »Siehst du, jetzt sorgst du mit Absicht dafür, dass ich mir wie ein Stück Scheiße vorkomme.«
    »Ich mache es nicht mit Absicht.«
    Er

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