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Du oder die grosse Liebe

Du oder die grosse Liebe

Titel: Du oder die grosse Liebe
Autoren: Simone Elkeles
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1
    Luis
    Der jüngste von dreien zu sein, hat zweifellos seine Vorteile. Ich habe hautnah miterlebt, wie meine Brüder sich während ihrer Highschool-Zeit die Sorte Schwierigkeiten eingehandelt haben, die einen Kopf und Kragen kosten können. Was mich angeht, rechnet niemand damit, dass ich jemals in ihre Fußstapfen trete. Ich bin in der Schule top, prügle mich nicht rum und weiß, seit ich elf bin, was ich mal werden will. Jeder kennt mich als den guten Jungen in mi familia – keiner würde erwarten, dass ich je vom rechten Weg abkomme.
    Meine Freunde wissen, was meine Familie nicht ahnt: dass auch ich eine verrückte, rebellische Ader in mir habe. Ich kann nichts dagegen machen. Ich bin ein Fuentes, und ein Rebell zu sein, ist tief in meinen Genen verwurzelt. Der Junge, der ich in den Augen meiner Familie bin, ist nicht zwingend identisch mit dem, der wirklich in mir steckt – aber ich habe vor, das für mich zu behalten. Ich habe mir geschworen, mich durch nichts von meinem größten Ziel abbringen zu lassen, aufs College zu gehen und Raumfahrt zu studieren, aber ab und zu ein kleines sportliches Risiko einzugehen, verschafft mir den Adrenalinrausch, nach dem ich süchtig bin.
    Ich stehe mit vier meiner Freunde am Fuße einer Steinformation im Boulder Canyon. Jack Reyerson hat die Kletterausrüstung mitgebracht, aber ich will keinen Gurt anziehen. Ich nehme eines der Seile und befestige es mit einem Karabiner an meiner Gürtelschlaufe, damit ich es für den Rest der Gruppe im Fels verankern kann, wenn ich den Gipfel erreicht habe.
    »Es ist nicht sicher, ohne Ausrüstung zu klettern, Luis«, sagt Brooke. »Aber das weißt du eh, oder?«
    »Yep«, sage ich.
    Ich starte einen ungesicherten Alleinaufstieg und bewege mich Stück für Stück die Felsformation hoch. Das hier ist nicht der erste Alleingang, den ich im Boulder Canyon unternehme, und ich habe genug Erfahrung, um zu wissen, was zum Teufel ich hier tue. Ich sage nicht, dass es kein Risiko ist – nur dass es ein kalkulierbares ist.
    »Du bist verrückt, Luis«, ruft Jamie Bloomfield von unten, als ich noch höher klettere. »Wenn du abstürzt, bist du tot!«
    »Ich möchte, dass alle hier wissen, dass keinesfalls ich die Verantwortung dafür übernehme, wenn du dir die Knochen brichst«, sagt Jack. »Ich hätte dich einen Haftungsverzicht unterschreiben lassen sollen.«
    Jacks Vater ist Anwalt, daher hat er die nervige Angewohnheit, bei so ziemlich allem, was wir tun, die Verantwortung weit von sich zu weisen.
    Ich sage ihnen nicht, dass Klettern ohne Sicherheitsgeschirr der reinste Adrenalinkick ist. Es löst in mir das Verlangen aus, mich noch härter zu pushen und bis an meine Grenzen zu gehen. Jamie hat mich einen Adrenalinjunkie genannt, nachdem ich im Winterurlaub in Vail letztes Jahr mit dem Snowboard die schwarze Piste runter bin. Ich habe ihr nicht erzählt, dass es mir ebenfalls einen Kick verpasst hat, mit dem Mädchen rumzumachen, das ich am selben Abend in der Lobby kennengelernt hatte. Macht mich das zum Junkie?
    Als ich auf halber Höhe zum Gipfel bin, halte ich inne – meinen Fuß habe ich in eine schmale Felsspalte geschoben und auch meine Hand hat einen festen Halt. Es ist hoch genug, um einen Blick nach unten zu riskieren, damit ich sehe, worauf ich vielleicht krache, wenn ich abrutsche.
    »Guck nicht nach unten!«, ruft Jack panisch. »Dir wird sonst noch schwindelig und du stürzt ab.«
    »… und stirbst!«, fügt Jamie hinzu.
    Dios mío . Meine Freunde sollten echt mal chillen. Sie sind weiß, und ich bin von einer mexikanischen Familie mit lauter Kerlen großgezogen worden, die Herausforderungen lieben und ein Leben auf der Überholspur führen. Und auch wenn von mir erwartet wird, der eine Fuentes-Bruder zu sein, der klug genug ist, keinerlei Risiken einzugehen, fühle ich mich am lebendigsten, wenn ich genau das tue.
    Der Gipfel ist zum Greifen nah. Ich richte den Blick in die Ferne und betrachte die Landschaft aus der Vogelperspektive. Es ist verflucht atemberaubend. Früher habe ich in Illinois gelebt, wo die Landschaft, mal abgesehen von den Wolkenkratzern, komplett flach war. Der Blick über die Colorado Berge weckt in mir Ehrfurcht für die Natur. Mit dem Wind im Rücken und der Sonne hoch am Himmel, fühle ich mich unbesiegbar.
    Ich greife mit meiner linken Hand nach oben und klammere mich an einem Vorsprung fest, der ungefähr drei Meter vom Gipfel entfernt ist. Ich habe es fast geschafft. Als ich den Fels nach einer

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