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Die Königliche (German Edition)

Die Königliche (German Edition)

Titel: Die Königliche (German Edition)
Autoren: Kristin Cashore
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PROLOG

    Es muss wehtun, wenn er Mama so am Handgelenk packt und zum Wandbehang zerrt. Aber sie schreit nicht. Sie versucht ihren Schmerz vor ihm zu verbergen, mir jedoch wirft sie noch einen Blick zu und in ihrem Gesicht sehe ich all ihre Gefühle. Wenn Vater erfährt, dass sie Schmerzen hat und sie mir auch zeigt, wird er ihre Schmerzen verschwinden lassen und durch etwas anderes ersetzen.
    Er wird zu Mama sagen: »Alles in Ordnung, Liebling. Es tut nicht weh, du hast keine Angst«, und dann werde ich Zweifel in ihrem Gesicht auftauchen sehen, den Beginn ihrer Verwirrung. Er wird sagen: »Sieh dir unser hübsches Kind an. Sieh dir dieses hübsche Zimmer an. Wie glücklich wir sind. Alles ist in Ordnung. Komm mit, Liebling.« Mama wird ihn erstaunt ansehen und dann mich, ihr hübsches Kind in diesem hübschen Zimmer. Ihre Augen werden sanft und leer werden und sie wird darüber lächeln, wie glücklich wir sind. Ich werde auch lächeln, weil mein Bewusstsein nicht stärker ist als Mamas. »Viel Spaß! Kommt bald wieder!«, werde ich sagen. Dann wird Vater die Schlüssel hervorholen, die Tür hinter dem Wandbehang öffnen und Mama wird hindurchschlüpfen. Thiel, der – groß, wie er ist – beunruhigt und verwirrt mitten im Zimmer steht, wird hinter ihr herstürzen und Vater wird den beiden folgen.
    Wenn der Riegel wieder an seinen Platz gleitet, werde ich dastehen und versuchen mich zu erinnern, was ich gerade gemacht habe, bevor das hier geschehen ist. Bevor Thiel, Vaters oberster Ratgeber, auf der Suche nach ihm in Mamas Zimmer kam. Bevor er, die Hände so fest an die Seiten gepresst, dass sie zitterten, versuchte, Vater etwas zu sagen, das ihn wütend machte, so dass er vom Tisch aufstand, dabei alle Papiere verstreute, seine Feder fallen ließ und sagte: »Thiel, du bist ein Idiot und kannst keine vernünftigen Entscheidungen treffen. Komm mit. Ich zeige dir, was passiert, wenn du eigenständig denkst.« Dann ging er zum Sofa und packte so unvermittelt nach Mamas Handgelenk, dass sie nach Luft schnappte und ihre Stickerei fallen ließ, aber nicht aufschrie.
    »Kommt bald wieder!«, sage ich fröhlich, als die Geheimtür hinter ihnen ins Schloss fällt.
    Ich bleibe zurück und blicke in die traurigen Augen des blauen Pferdes auf dem Wandbehang. Schneeflocken wehen gegen das Fenster. Ich versuche mich zu erinnern, was ich gemacht habe, bevor alle weggegangen sind.
    Was ist eben passiert? Warum kann ich mich nicht daran erinnern, was eben passiert ist? Warum fühle ich mich so …
    Zahlen.
    Mama sagt, wenn ich verwirrt bin oder mich nicht erinnern kann, soll ich rechnen, weil Zahlen wie ein Anker sind. Für solche Momente hat sie mir Rechenaufgaben notiert. Sie liegen hier neben den Blättern, die Vater mit seiner komischen verschnörkelten Schrift bedeckt hat.
    1058 durch 46.
    Schriftlich hätte ich das in zwei Sekunden ausgerechnet, aber Mama sagt immer, ich soll es im Kopf rechnen. »Verbanne alles aus deinem Bewusstsein außer den Zahlen«, sagt sie. »Stell dir vor, du bist mit den Zahlen allein in einem leeren Raum.« Sie hat mir Tricks beigebracht. Zum Beispiel: 46 ist fast 50, und 1058 ist nur wenig mehr als 1000. 1000 durch 50 ist genau 20. Damit fange ich an und rechne dann den Rest aus. Eine Minute später habe ich herausbekommen, dass 1058 durch 46 genau 23 ist.
    Ich löse noch eine Aufgabe. 2850 durch 75 ist 38. Noch eine. 1600 durch 32 ist 50.
    Oh! Das sind gute Zahlen, die Mama da ausgesucht hat. Sie wecken Erinnerungen und bilden eine Geschichte, denn fünfzig ist Vaters Alter und zweiunddreißig Mamas. Sie sind seit vierzehn Jahren verheiratet und ich bin neuneinhalb. Mama ist eine Prinzessin aus Lienid. Vater hat sie bei einem Besuch des Inselkönigreichs Lienid erwählt, als sie erst achtzehn war. Er hat sie hierher mitgebracht und sie ist nie zurückgekehrt. Sie vermisst ihre Heimat, ihren Vater, ihre Geschwister und ihren Bruder Ror, den König. Sie spricht manchmal davon, mich dorthin zu schicken, damit ich in Sicherheit bin. Dann halte ich ihr den Mund zu, wickele eine Hand in ihre Schals und ziehe mich daran an sie, weil ich sie nicht verlassen will.
    Bin ich hier nicht in Sicherheit?
    Die Zahlen und die Geschichte machen meinen Verstand wieder klar und es fühlt sich an, als würde ich fallen. Atmen!
    Vater ist der König von Monsea. Niemand weiß, dass er die verschiedenfarbigen Augen eines Beschenkten hat; niemand wundert sich, denn es ist eine schreckliche Gabe, die sich hinter

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