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Milano Criminale: Roman (German Edition)

Milano Criminale: Roman (German Edition)

Titel: Milano Criminale: Roman (German Edition)
Autoren: Paolo Roversi
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    Der Mann schlendert am Straßenrand entlang. Seine Schuhe sind staubbedeckt, seine Haltung strahlt Ruhe aus, als hätte er alle Zeit der Welt. Manchmal sieht er sich wie zufällig um, geht weiter, im Gürtel einen Totschläger und eine 9 mm.
    Einige Meter entfernt ein paar Männer im Overall auf einem grauen Lieferwagen. Sie schweigen, niemand schenkt ihnen Beachtung, erst recht nicht den Maschinenpistolen auf ihren Knien.
    In der Nähe ein Herr, graumeliertes Haar und Zigarette im Mundwinkel, er blättert in einer Zeitung. Langsam, viel zu viel Zeit pro Seite, um glaubwürdig zu wirken. Er sitzt in einem schwarzen Fiat 1400, und in seinen rechten Oberschenkel drückt sich ein Schießeisen.
    Neben dem Auto steht ein Junge. Reglos. Mit ausgebeulter Jacke: auch er bewaffnet.
    Sie alle tragen den klassischen Arbeiter-Blaumann. Die perfekte Verkleidung, um in dieser Gegend mit ihren unzähligen Fabriken und Manufakturen nicht aufzufallen.
    Ein erfahrenes Auge hätte gewusst, was Sache ist. Hätte vorhergesehen, was passieren würde. Aber es war kein erfahrenes Auge in der Nähe.
    Der Tanz beginnt, als der Geldtransporter um die Ecke biegt. Die Zweigstelle der Banca Popolare ist keine fünfhundert Meter entfernt. Die erste auf der Tour.
    Fuß vom Gas, und aufgepasst für die drei Männer im Wagen: den Fahrer, einen Polizeibeamten und einen Bankangestellten.
    Der Bandenboss zwingt sich zur Ruhe. Er kann nicht sehen, was passiert, doch ein Blick auf die Uhr genügt ihm. Alles ist auf die Sekunde genau geplant, und wenn er die Augen schließt, weiß er zu jeder Zeit, was passiert.
    In Gedanken versunken sitzt er im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis am anderen Ende von Mailand. Das hier ist sein Alibi, und ein gutes Alibi wird er brauchen, wenn die Bullen nach vollbrachter Tat unverzüglich bei ihm aufkreuzen. Er braucht glaubwürdige Zeugen, andere als die, die er sonst anschleppen könnte, seine Kumpane aus dem Stadtteil Ticinese.
    Bei dem Gedanken will er unwillkürlich lächeln, verkneift es sich aber. Er muss schreckliche Zahnschmerzen vortäuschen, das erfordert höchste Konzentration. Er hat schwarzes, gewelltes Haar und trägt einen schwarzen Anzug mit einer weißen Rose im Knopfloch: Daran wird sich jeder erinnern. Der Plan sieht vor, sich möglichst auffällig zu verhalten, deshalb bricht er in regelmäßigen Abständen in lautes Gewimmer aus.
    Er ist ein akribischer, besonnener Mensch. Für ihren Coup hat er extra diesen einen Tag des Monats abgewartet.
    »Wir nehmen den 27., Tag des heiligen Salärius, ciula «, hat er seinen Leuten bis zum Abwinken gepredigt, »dann schwimmen die im Geld, um die Löhne auszuzahlen.«
    Zweimal schon hatten sie es probiert, doch jedes Mal war etwas dazwischengekommen. Ein Versuch pro Monat. Heute Morgen würden sie den Sack endlich zumachen. Das spürte er.
    ›Heute packen wir es‹, sagt er sich, während die Arzthelferin ihn ins Behandlungszimmer führt.
    Kaum sieht der Mann im Fiat 1400 den weißen Transporter im Rückspiegel aufblitzen, wirft er die Zeitung beiseite und gibt Gas. Der Wagen fädelt sich ein und schießt in Richtung Fahrbahnmitte.
    Antonio steht vor der Haustür, sein Fahrrad hat er an die Wand gelehnt, mit dem Blick verfolgt er fasziniert den schwarzen Wagen, der den Geldtransporter röhrend überholt hat und nun Schlangenlinien vor ihm vollführt.
    » Quel lì l’è matt , vollkommen wahnsinnig, der Kerl!«, schreit der Fahrer des Geldtransporters. Der Polizist tastet mit der Hand nach dem Knauf seiner Dienstwaffe.
    Ohne auch nur andeutungsweise abzubremsen, schert der Wahnsinnige nach links aus und rast holpernd über den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. Die Fahrt endet mit einem dumpfen Schlag an der Mauer auf der anderen Straßenseite. Der Fahrer kommt ohne jeden Kratzer davon; blitzschnell springt er aus dem Wagen und sucht das Weite, während ein Haufen Schaulustiger sich um das Auto schart. Auch der Fahrer des Geldtransporters bremst, um zu sehen, was da passiert ist. Der Polizeibeamte entspannt sich wieder. Und tut nicht gut daran, denn während alle Köpfe sich nach hinten drehen, kommt ihnen aus der anderen Richtung ein weiteres Auto entgegen, ein Kleinlaster OM Leoncino, flink wie auf Schienen, und rast voller Wucht in den Geldtransporter. Die Männer im Innenraum stoßen sich gewaltig die Köpfe.
    Es ist Vormittag, und viele Leute sind unterwegs. Alle hören den Aufprall – und die Schüsse.
    Dem Leoncino entsteigt ein Mann mit

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