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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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deswegen nicht das Leben kostete, weil der Himmel düster und wolkenverhangen blieb.
    Hinterher schalt ich mich leichtsinnig und bereute meine Tat.
    Auch Amanda bereitete mir inzwischen Sorge, denn sie aß kaum, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie ohne Blutmahlzeit nicht mehr auskam, denn dass sich mein vampirisches Wesen auf sie vererbt hatte, stand für mich besonders nach einem sehr unerfreulichen Zwischenfall zu Ostern nahezu außer Zweifel.
    Wir hatten mit Gertruds Familie und dem Gesinde am Abend um das Osterfeuer im Hof gesessen, als ich Amanda bat, mir doch aus dem Haus meinen Schal zu holen, da es mich im Rücken fröstelte.
    Sie war zu einem zauberhaften Backfisch erblüht und Wilhelm, hoch aufgeschossen und schlaksig, klebte immer noch an ihren Fersen wie ein Rüde an der Spur einer läufigen Hündin. Ich sorgte mich ein wenig, denn ich kannte Amanda gut genug, um zu wissen, dass sie sehreigenwillig und selbstbezogen war und Wilhelm eher als eine Last denn als einen Freund empfand. So lief denn alles auf eine Eskalation hinaus, die zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Gertrud und mir führte.
    Bisher waren wir alle recht fröhlich gestimmt und zumindest Hansmanns Familie war mit der letzten Gans im Bauch auch wieder einmal satt geworden. Die Männer tranken Wein, und weil Wilhelm nun schon vierzehn Jahre alt war, erlaubte ihm Hansmann auch ein paar Schlucke. Die hatten ihn offenbar mutig gemacht, und als ich Amanda nach meinem Schal schickte, da passte er sie im Garten ab und versuchte ihr einen Kuss abzunötigen. Wohl sehr viel stürmischer, als es sonst seine Art war, hatte er sie bedrängt und sie, ganz meine Tochter, hatte sich zur Wehr gesetzt. Auf ihre Weise!
    Wir hörten vom Garten her einen gellenden Schrei, dann kam Amanda gerannt und warf sich schluchzend in meine Arme.
    Ich war über das, was sich ereignet hatte, ja nicht im Mindesten orientiert, dachte sofort, Utz oder Radke hätten ihr aufgelauert, und stürzte in Panik mit ihr ins Haus, wo ich uns in meinem Studierzimmer einschloss.
    Es dauerte nicht lange, da hämmerte Hansmann gegen den Eingang und brüllte: »Komm raus, Estelle, was soll der Unfug?«
    Ich öffnete die Tür einen Spalt, und nachdem er mir versichert hatte, dass weder Utz noch sonst ein feindliches Wesen in der Nähe seien, sondern es sich lediglich um einen Streit zwischen den Kindern gehandelt habe, trat ich erleichtert hinaus. Doch war das, was mich erwartete, nicht eben angenehm.
    Wilhelm saß am Küchentisch, presste eineMullkompresse gegen seinen Hals und jammerte für einen Jungen recht wehleidig vor sich hin. Mir schwante Schreckliches, und als ich Amanda bestürzt ansah, senkte sie errötend den Blick.
    »Gebissen hat sie den armen Jungen! Wie eine Furie hat sie sich auf ihn gestürzt! Sie ist ja völlig verrückt, so benimmt sich doch kein zivilisierter Mensch!«, klagte Gertrud und strich Wilhelm völlig verstört die strähnigen blonden Haare aus der Stirn.
    »Was ist denn geschehen?«, fragte ich nach dem Grund für Amandas Ausfall, woraufhin mir Gertrud von Wilhelms Kussattacke erzählte. »Aber das rechtfertigt doch nicht ein solch tierisches Benehmen. Man kann einen jungen Mann weiß Gott auch anders in seine Schranken weisen.«
    Da mochte sie recht haben, doch andererseits war es nicht Amandas Schuld, wenn Hansmann seinem Sohn Wein erlaubte und der nach dessen Genuss die Kontrolle über sich verlor und meine Tochter so bedrängte, dass sie sich offenbar nicht anders zur Wehr zu setzen wusste.
    Das sagte ich Gertrud auch, und weil es in Erregung gesprochen war, klang es wohl schärfer als gewollt, sodass ein Wort das andere gab und ich mir schließlich vorkam wie eine Angeklagte, die ihrem Kind nicht genügend Zuwendung bot. In Gertruds Augen trug offenbar ich die Schuld daran, dass Amanda ein derart wildes, ungezügeltes Benehmen an den Tag legte.
    »Du überlässt Amanda viel zu sehr sich selbst, und so wundert es nicht, dass sie ein Wildfang ist und keine junge Dame …«, meinte sie vorwurfsvoll, und als Hansmann sie dann auch noch ein »ungebändigtes junges Tier« nannte, da riss mir die Hutschnur und ich warf ihn und den Rest seiner Familie raus. Der Vergleich mit einem Tier riefungute Empfindungen in mir wach und ich fragte mich natürlich sofort, ob dieses Animalische, was Hansmann an Amanda aufgefallen war, nicht vielleicht ein schlimmes Erbe von Utz sein konnte. Ich reagierte also heftiger, als ich es sonst getan hätte.
    »Ihr lebt auf

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