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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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Alles begann in einer Gewitternacht in den Karpaten. Ich war kein Mensch mehr seit vierhundert Jahren. Ich irrte umher an dem Ort, der als letztes Refugium für jene gilt, die verflucht sind, als Untote ihr Dasein zu fristen. Geschöpfe, die der Geruch der Verwesung umweht und die doch selber nicht zerfallen können zu Erde und Staub, um dahin zurückzukehren, woher ihr Bogen kommt. Kreaturen, die zwar dem Tode entrannen, das Leben aber dennoch verloren.
    Ich hatte gehofft, dort Erlösung zu f inden, doch ich fand sie nicht.
    Bis zu jenem denkwürdigen Tag, als ein verrückter Erf inder mit seiner jungen Tochter Estelle aus dem fernen Berlin anreiste, um mit einer elektrischen Maschine Vampire zu fangen …

    J akob Vanderborg war ein kleiner Mann in mittleren Jahren, von schmächtiger Statur, aber mit einem klugen Verstand gesegnet. Ja, er war trotz seiner äußerlichen Unscheinbarkeit ein wahres technisches Genie. Schon von klein auf bestand sein größtes Vergnügen darin, allerlei Nützliches und Unnützes zu erfinden, was seine Eltern, biedere Kaufleute mit einem kleinen Kolonialwarenladen im Rheinland, nicht recht zu würdigen wussten.
    »Der Junge schlägt sehr aus der Art«, meinte der Vater, »er sollte sich mehr mit den Kaffee- und Rohrzuckerpreisen beschäftigen als mit Elektrizität und Magnetismus.« Aber genau das war es, was Jakob am meisten interessierte, und als er hörte, dass man in Berlin »magnetische« Menschen in Varietés sehen konnte, die unglaubliche Dinge allein durch den ihnen innewohnenden Magnetismus vollbringen konnten, da hielt ihn nichts mehr im Elternhaus. Besessen von seinem Forscherdrang schlug er sich nach derpreußischen Hauptstadt durch, um sich dort als Erfinder sein Brot zu verdienen. Sehr bald schon fand er Geldgeber für seine Projekte, und als er mit dem Großen Pilati, einem Magier von internationalem Ruf, in Kontakt kam, hatte er, wie man so sagt, sein Glück gemacht. Er entwickelte für dessen Bühnenvorführungen in den exklusivsten Varietés raffinierte mechanische Apparate, welche die perfekte Illusion erlaubten. Sie ließen Gegenstände, vor allem aber Tiere und Menschen verschwinden und wieder auftauchen, durchbohrten junge, schöne Frauen mit Säbeln und Dolchen wie in dem Folterkasten der Eisernen Jungfrau, ohne ihnen auch nur ein Härchen zu krümmen, oder versenkten sie in riesige Wasserbottiche, denen sie nicht als Wasserleichen, sondern ohne die geringste Atemnot und fast schöner als zuvor wieder entstiegen. Doch das erfolgreichste Wunderwerk der Illusion war Vanderborgs elektromagnetische Maschine, die hörbar knisternde Spannung erzeugte und dem staunenden Publikum »elektrische« Menschen präsentierte, die unangefochten im Blitzgewitter standen und gemächlich ihre Zigarre schmauchten oder sich die Fingernägel manikürten.
    Jakob Vanderborg ehelichte die zweitschönste Assistentin des Großen Pilati – denn die schönste hatte der Meister für sich selbst reserviert –, bezog mit ihr eine mehr als angemessene Wohnung in der Beletage eines dreigeschossigen Neubaus in der Brüderstraße, mit seitwärtigem Blick auf das Berliner Schloss, und zeugte drei Kinder: die Söhne Hansmann und Friedrich und die Tochter Estelle. Estelle wurde sein Augenstern, aber die Mutter überlebte das Kindbett nicht, und so wuchs das Mädchen in Verhältnissen heran, die in bürgerlichen Kreisen Argwohn erweckten, denn es war alles andere als schicklich, wennein Mädchen in einem Haushalt mit niemandem sonst als drei Männern lebte, mochten zwei davon auch noch unreife Jünglinge sein. Trotz einer Kinderfrau, die Vanderborg engagierte, da er sich zwar mit Mechanik, jedoch nicht mit Mädchen auskannte, wuchs Estelle heran wie ein wilder Rosenschoß, entwickelte sich zu einer zauberhaften Blüte, blieb aber auch nicht ohne Dornen. Ihr wacher Geist und kluger Verstand machten dem Vater viel Freude, und weil der ältere Sohn Hansmann so gar keine Ader für die Technik hatte und schon bald, dem Großvater im Rheinischen nachschlagend, den Kolonialwarenhandel reizvoller fand, waren es der jüngere Sohn Friedrich und Estelle, die dem Vater bei seinen Erfindungen zur Hand gingen.
    Es war im Jahre 1899, als in den Gazetten der Hauptstadt die Meldung kolportiert wurde, dass in einem kleinen Dorf in den Karpaten im Gebiet der Hohen Tatra mehrere Menschen einer geheimnisvollen Seuche zum Opfer gefallen wären. Da diese Menschen im Tode bleich und blutleer erschienen, kam sofort das

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