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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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einigen, die meisten jedoch waren zu feucht geworden. Er holte eine große Laterne herbei und brannte auch diese an. In ihrem Licht sahen wir nun zumindest etwas von dem Ausmaß der Zerstörung, die der Blitzschlagangerichtet hatte. Einige Teile der Maschine waren verschmort, keramische Isolierungen einfach in der Hitze explodiert und nicht metallische Bestandteile verbrannt. Auf den ersten Blick eine Katastrophe. Jahrelange Arbeit schien durch einen einzigen Blitz vernichtet. Vanderborg wandte sich ab, damit wir nicht die Tränen in seinen Augen entdeckten.
    Friedrich unternahm einen Versuch, mich aufzuheitern, aber ich war zu benommen, um auf seine scherzhafte Art einzugehen. Doch er gefiel mir, denn sein Hals war schlank und weiß und die Halsschlagader zeichnete sich im Licht des nun wieder leuchtenden Mondes deutlich pulsierend darauf ab. In mir stieg eine unangemessene Begehrlichkeit auf. Er trug sein Hemd offen, trotz der klammen Kälte, und die Jacke darüber ebenfalls.
    So erahnte ich die delikaten Konturen seines Körpers, der sich im Übergang vom Knaben zum Manne befand.
    »Friedrich«, hörte ich mich sagen, »es geht mir gut. Sieh nach dem Vater. Er steht noch unter Schock.«
    Der Klang meiner Stimme kam von weit her. Genau wie die Erinnerung, die nicht die meine war und über die ich doch ganz plötzlich verfügte.

    Estelles Erinnerung! Sie war mir zunächst nur in Bruchstücken, aber dennoch schon genauso gegenwärtig wie die Worte, die vor vierhundert Jahren mein Peiniger gesprochen hatte, bevor seine Henkersknechte meinen nackten Leib mit Gewichten beschwert auf einen gespitzten und geölten Pfahl trieben, welcher mich nach und nach wie ein riesiger Phallus durchdrang und inwendig langsam zerriss.
    Man hatte mich des Hochverrates angeklagt, weil ich mich dem Werben des Landgrafen verweigert hatte, der, um meiner habhaft zu werden, mir den Buhlen meuchelte. Ich ritzte ihnmit einem Messer am Hals, was er überlebte, sodass er, gekränkt in Ehre und Männlichkeit, mich durch seine gedungenen Richter der Folter unterwerfen und schließlich zu dieser widerlichen Hinrichtungsart des qualvollen Pfählens verurteilen ließ.
    »Nun, Weib«, sagte er hohnlachend und den Speichel der Begierde in den Mundwinkeln, »sieh, was deine Verweigerung dir eingetragen hat. Wie viel angenehmer hätte ich es dir doch bereitet als dieser Pfahl.«
    Ich starb nicht einen, sondern tausend Tode, bis mir die rot glühende Pein in meinem Kopf schließlich das Bewusstsein nahm. Als ich noch einmal zu mir kam, pflockten sie den Pfahl mit meinem Körper an dem Schindanger auf, den wilden Vögeln und den Ratten und anderem Wildgetier zum Fraß. Nur ein zerlumptes Kind, ein Mädchen, blieb am Fuße meines Kreuzes stehen und sang ein Lied für mich: »Welt, bei dir ist Angst und Not, endlich gar der bittre Tod …«
    Die Kleine hörte als Einzige den Fluch, den ich in der Stunde meines Abschieds vom menschlichen Leben vor Schmerz wie von Sinnen hervorstieß: »Ich werde sterben, aber nicht tot sein, Landgraf Ladislav von Przytulek! Ich werde dich und die deinen über das Erdrund verfolgen und es wird euer Blut sein, das mich am Leben erhält, bis dein Geschlecht ausgerottet ist, für immer und alle Zeit. Das schwöre ich beim Tod meines Geliebten! So wahr mir Gott oder Satan helfe. Amen!«
    Und weil mein Schicksal den Himmel oder die Hölle berührt hatte, wurde ich erhört. So erhob ich mich, einem Dämon gleich, aus meinem gemarterten Leib und fuhr in die Buhlschaft des Grafen. Eine Vampirin fortan, nicht tot und auch nicht lebendig, ein Ziel nur in meinem kalten Herzen: Rache!

    Friedrich hatte von mir abgelassen und Jakob Vanderborg zur Kutsche geleitet, in die dieser hineinstieg, um sichdort auf einer der ledernen Bänke von dem Schock, den der Blitzschlag verursacht hatte, zu erholen. Mich hatte Friedrich zuvor zu einer Steinbank geführt, über die eine Engelsskulptur schützend ihre voluminösen Flügel spreizte. Ich fühlte eine Beklemmung auf der Brust, deren Ursache wohl weniger auf den Blitzschlag und eine organische Schädigung zurückzuführen war als vielmehr auf das eng geschnürte Korsett, welches Estelles Körper umhüllte.
    Da ich mir zunächst nicht im Geringsten erklären konnte, was mit mir oder Estelle geschehen war, empfand ich eine gewisse Dankbarkeit darüber, dass ich von meinem Platz im Schutze des Engels die beiden Männer unauffällig beobachten konnte, um so Aufschluss über das Ereignis zu bekommen,

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