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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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unheimliche Krankheit ein, die im Dorf grassierte, und wartete auf den Vollmond.
    Friedrich hatte mit einem der Totengräber gesprochen, der als Erntehelfer beim Spargelstechen im Braunschweiger Land ein wenig die deutsche Sprache gelernt und die Leichen der Seuchenopfer auf dem alten Burgfriedhofbegraben hatte. »Sie waren weiß wie ein Leichentuch und ohne jeden Tropfen Blut in ihren Adern«, berichtete er ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
    Estelle musste lächeln, als ihr Friedrich das erzählte, weil es doch in Berlin bereits die Spatzen von den Dächern pfiffen.
    Der Wirt des Gasthofs, der etwas makaber »Zur ewigen Zuflucht« hieß, war hingegen ein redseliger Mann mit vollem Bart und beträchtlichem Körperumfang. Er sprach jedoch nur Polnisch, und allein Jakob Vanderborg vermochte einige Bruchstücke seines Redeflusses zu verstehen, weil er in jungen Jahren in Warschau für einen Zauberkünstler gearbeitet hatte.
    Was Vanderborg davon übersetzte, war jedoch genug, um Estelle das Blut in den Adern stocken zu lassen und den Vater zu bitten, das Experiment abzusagen und schnellstens die Rückreise nach Berlin anzutreten.
    Der Wirt warnte die kleine Reisegesellschaft nachdrücklich, sich in die Nähe der Burg zu begeben. Sie sei äußerst baufällig und man könne nicht sicher sein, dass nicht ein Fluch auf ihr laste. Denn obwohl sie seit ewigen Zeiten leer stehe, schienen dort des Nachts wilde Feste stattzufinden, deren Lärm bis in den Ort herunterschalle. Ein Landgraf hätte dort seit dem 16. Jahrhundert mit seiner Sippschaft gelebt, doch über die Jahrhunderte hinweg seien fast alle männlichen Nachkommen auf grausame Art zu Tode gekommen.
    »Den Letzten seines Geschlechts haben wir erst dieser Tage ins Grab gelegt. Weiß wie das Leichentuch und ohne einen Tropfen Blut in den Adern. Graf Ladislav war ein Schlächter und Jungfrauenschänder«, sagte der Wirt. »Do diabła z nim!« Dann wandte er sich den anderen Gästen zu,die seine Worte mit zustimmendem Kopfnicken begleitet hatten.
    Auch Friedrich war der Mut gesunken, und obwohl sowohl er als auch Estelle dem Vater einen Erfolg wünschten und an seine Maschine glaubten, wäre es ihm dennoch recht gewesen, so bald wie möglich diesem unheimlichen Ort auch unverrichteter Dinge den Rücken zu kehren.
    Als sie später alle drei in der Nacht zwischen den umgestürzten Grabmalen auf dem Friedhof bei der Burg noch einmal die Lage sondierten, da dämmerte ihnen zum ersten Mal, dass sie sich auf ein Terrain begaben, das möglicherweise gefährlicher war als Berlins glattestes Parkett.
    Der fast volle Mond stand über dem Burgfried und schwarze Vögel mit Schwingen von unglaublichen Ausmaßen umflogen ihn lautlos und drohend.
    »Uhus«, sagte Friedrich. »Es scheinen Uhus zu sein, ich habe sie immer nur einzeln gesehen bisher, nie in einer solchen Anzahl.« Er hatte leise, fast flüsternd gesprochen, was sofort eine Beklemmung bei Estelle auslöste.
    »Sie sind riesig«, wisperte sie. »Man traut ihnen zu, dass sie ein Schaf reißen könnten oder eine Ziege … Ich finde sie furchterregend.« Sie wandte sich an den Vater. »Werden sie nicht das Funktionieren der Maschine stören?«
    Vanderborg war sich nicht sicher. »Ich hoffe, nicht«, meinte er, »der Platz hier wäre ansonsten ideal. Man sagt, dass Vampire nachts aus den Gräbern steigen, und wenn die angeblichen Seuchentoten zu Vampiren geworden sein sollten, so ist es doch wahrscheinlich, dass sich wenigstens einer von ihnen morgen Nacht bei Vollmond erhebt und von dem elektromagnetischen Netz, das mein Apparat erzeugt, einfangen lässt.«
    »Wird denn der Generator genug Strom liefern?«,fragte Friedrich. »Es ist kein kleines Tier, was wir fangen wollen …«
    »Wir werden sehen«, sagte Vanderborg. »Ich habe vor, alle Energiequellen, die uns zur Verfügung stehen, zusammenzuschalten. Wenn es hier Vampire gibt, werden wir auch einen fangen. Dessen bin ich gewiss.«
    Der Mond verschwand hinter einer Wolke und so machten sie sich im Schein der Handlaterne auf den Rückweg zum Gasthaus, um dort für die Nacht »Zuflucht« zu suchen.
    Estelle hatte eine Kammer für sich, deren Fenster zur Burgseite zeigte. Als sie den Vorhang zuzog, war die Wolke fort und der Mond tauchte die Burg in ein kaltes Licht. Die Vögel waren verschwunden, aber auf der Zinne des Wehrturms glaubte Estelle den schwarzen Umriss einer Frauengestalt zu sehen, deren langes Haar im Winde wehte. Ein Schatten nur, dann war sie

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