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Brüder und Schwestern

Brüder und Schwestern

Titel: Brüder und Schwestern
Autoren: B Meinhardt
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Splitterndes Glas
    Die silbrige Sommersonne trieb ihnen Salz und Pickel aus den Poren, sie stanken prächtig nach Leben, nach Unrast, mit Ruten jagten sie ein paar Ferkel vor sich her auf den Fluß zu.
    Ein bißchen schwimmen sollten die Ferkel, denn was hatte der Sportlehrer Knispel am Vormittag gebrüllt, weil ihm ein paar der Jungs auf der Schlackebahn zu langsam gerannt waren? »Jedes Schwein läuft schneller als ihr, jedes Schwein! Man denkt, ihr müßtet schneller sein, man denkt es, weil ihr Deutsche seid, aber vielleicht seid ihr ja gar keine, nein, seid ihr nicht, denn wenn ihr richtige Deutsche wärt, würdet ihr nicht so langsam sein.« Gab er nun Ruhe? »Und bestimmt«, hob er von neuem an, »schwimmen die Schweine auch schneller als ihr. O ja, das tun sie, da könnt ihr Gift drauf nehmen! Was, ihr wißt nicht, daß Schweine schwimmen können? Ich seh euch doch an, daß ihr’s nicht wißt, ich seh’s euch an!«
    Und da hatte der Sportlehrer sogar recht gehabt, daß sie es nicht wußten; darum hatten sie ja den privaten Beständen des Metzgers Schildhauer heimlich ein paar Ferkel entnommen, Willy und sein Kumpel Achim Felgentreu, darum machten sie doch jetzt die Probe, ob die Tierchen auch wirklich schwimmen konnten.
    Und siehe, am Ufer, im Angesicht des leise brausenden, sanft gurgelnden Wassers, scheuten die Ferkel wie Pferde vor einem Feuer.
    »Wollen tun die schonmal nicht«, grinste Achim. Er packte ein Ferkel am von der Sonne, vom Galopp und von der Angst erhitzten Hintern und versuchte, es in die Schorba zu bugsieren, da brach es aus und wieselte zurück, den Weidepfad hoch. Willy hatte mehr Erfolg, er war ja auch kräftiger als Achim, ihm wuchs schon ein Bartflaum, und Achim nicht. Er hatte es allerdings auch anders angestellt: Hatte die Arme zu einem Ring um Bauch und Rücken seines Ferkels geschlungen. Drückte nun seine Füße in die Böschung. Stieß und zerrte das widerstrebende Ferkel tatsächlich ins Wasser. Flog, weil er den Ring nicht rechtzeitig zu lösen verstand, gleich mit hinein. Schaute triumphierend nach oben, wo alle anderen Tiere auf der Flucht waren, seltsamerweise, ohne dabei einen Ton hervorzubringen. Nur eines befand sich noch in Achims Reichweite. »Am Schwanz, pack es am Schwanz«, schrie Willy, und Achim tat wie geheißen, und das Ferkel, abrupt gebremst, stieß einen schrillen Laut aus und sprang zurück und platschte ins Wasser, na bitte!
    Beide Jungs steckten nun bis zu den Knöcheln im Morast des Flußbetts, das Wasser reichte ihnen bis knapp unter die Brustwarzen. Sie klopften sich auf die Schultern, dann wateten sie ihren Ferkeln nach. Die konnten ja nicht stehen, die mußten sich irgendwie über Wasser halten, und wahrhaft, das gelang ihnen, ihre kurzen dicken Beine wühlten durch das Naß, aufgeregt und unkoordiniert, nicht schön, nicht elegant, aber wenn man fair sein wollte, mußte man anerkennen, eine Art Schwimmen war das schon.
    »Guck dir die an«, rief Willy, »guck sie dir an!«
    Die Tiere wuselten nun aufs Ufer zu, sie hatten sich ein wenig erfrischt an diesem brütend heißen Tag, das war gar nicht schlecht gewesen, doch jetzt war es genug für sie.
    »Die woll’n wieder raus«, schrie Achim. Er schickte sich an, ihnen den Weg abzuschneiden. So schnell sollte das Spektakel nicht zu Ende sein. Willy aber winkte gelassen ab: »Das schaffen die nie im Leben. Die kommen hier nicht raus. Wie soll’n die das denn machen?«
    Offenkundig war das auch den Ferkeln unklar. Während die Strömung sie flußabwärts trieb und sie dabei langsam drehte wie zwei ins Trudeln geratene Riesenkreisel, scheuerten ihre Steckdosenschnauzen und ihre Speckbeine hilflos und aufgeregt am Ufer entlang, die Schnauze oberhalb, die Beine unterhalb der Wasserkante. Nein, das schafften sie wirklich nicht. Und mehr noch, auch die Jungs würden sie nicht aus dem Fluß herauskriegen. Achim ging es als erstem auf: »Die treiben immer weiter, die können wir gar nicht mehr rausholen, Willy!« Eine gewisse Bangigkeit war nicht zu überhören in seiner Stimme. Was denn jetzt? Man trägt doch Verantwortung für das, was man sich ausleiht, erst recht, wenn es sich um was so Lebendiges handelt, nicht? Und man wagt es ja kaum zu sagen als 14jähriger, aber auch Mitleid kommt ins Spiel. »Die armen Viecher, Willy, was soll jetzt bloß aus denen werden?«
    Willy hatte weniger Mitleid, oder er verbarg es besser. Optimistisch, um nicht zu sagen strahlend verkündete er, kein Problem, sie alle

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