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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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Herrchen hinterdrein. Und während ich mich noch fragte, wie jemand in diesen schlechten Zeiten so gut im Fleische stehen konnte, wandte sich der Herr Abgeordnete dem Rasenstreifen gegenüber seinem Hause zu, wo er den Hund neben einer Laterne sein Geschäft verrichten ließ.
    »Los, Friedrich, jetzt«, wisperte ich, »schleich dich an und beiß ihn!«
    Aber Friedrich zögerte. »Es ist zu hell, kannst du ihn nicht ins Dunkle locken? Ich möchte nicht unbedingt ertappt und erkannt werden.«
    Das verstand ich und so spielten Amadeus und ich ein Liebespaar, das noch ein wenig flanieren wollte, hielten auf den Herrn Abgeordneten zu und lockten gleich den Pudel an, der uns sehr wachsam sofort verbellte. Das war nun gar nicht in unserem Sinne, und weil das Miststück nicht aufhören wollte mit dem Bellen und sich sogar noch in Amadeus’ Bein verbiss, griff der ihn sich mit übermenschlicher Kraft, drehte ihm mit einem Knacken den Hals um, trankihn leer und schleuderte ihn in den Landwehrkanal. Mir verschlug diese Aktion die Sprache, obwohl sie in ihrer Dreistigkeit nicht untypisch für Amadeus war und mir wegen ihrer Skurrilität sogar ein heimliches Schmunzeln entlockte. Das feiste Herrchen allerdings stand erst schreckensstarr, quiekte dann auf wie ein angestochenes Schwein und wollte schon auf Amadeus losgehen, als Friedrich den Abgeordneten von hinten ergriff und ihn in ein Gebüsch zog. Doch kam er dort wohl nicht alleine mit ihm zurecht, denn der Busch bebte gewaltig und die unterdrückten Schreie und Hilferufe ließen auf ein heftiges Handgemenge schließen, dessen Sieger offensichtlich noch nicht feststand. So eilten Amadeus und ich ihm sofort zu Hilfe. Tatsächlich hockte der fette Kerl auf Friedrich, den er nahezu unter seiner Körperfülle begraben hatte. Was also blieb mir anderes übrig, als ihn, so schnell es ging, mit einem Biss in seinen wabbeligen Hals außer Gefecht zu setzen. Als er wie ein schlaffer Sack über Friedrich zusammenbrach, musste der nur noch mein Werk vollenden und den feinen Herren aussaugen, was er, nachdem sowohl ich als auch Amadeus darauf beharrten, mit deutlichem Widerwillen tat.
    Allein, am Ende dieser Blutmahlzeit nach überstandenen Krämpfen und Schmerzen der Verwandlung, gewann er an Frische und Vitalität und meinte lachend: »Es war, als hätte ich ein Fass roten Weines ausgetrunken. Der Bursche muss inwendig im Burgunder geschwommen sein. Erstaunlich, was sich die Herrschaften aus dem Parlament so leisten können, während der gemeine Mann des Volkes an allen Ecken und Enden darbt.«
    Er gab dem feinen Herrn, der plötzlich so erschreckend blass geworden war, einen Fußtritt, und sicher hätte er ihnauch bespuckt und weiter beschimpft, wenn nicht plötzlich in dem Herrenhaus hinter uns ein Fenster aufgeflogen wäre, aus dem heraus eine Frau in schrillem Sopran rief: »Eduard, wo bleibst du denn, hat der Hund denn immer noch nicht gemacht?«
    Wir duckten uns in die Büsche und ich legte den Finger auf den Mund, doch dreist, wie es seine Art war, rief Amadeus mit verstellter Stimme nach oben: »Ich komme gleich, der Pudel ist hinter einer Hündin her und dabei in den Landwehrkanal gesprungen, ich muss ihn mal kurz retten!«
    »Dann mach aber schnell!«, kam die Antwort und das Fenster schloss sich wieder. Und weil die Idee nicht schlecht war, packten Amadeus und Friedrich den Herrn Abgeordneten an Armen und Beinen und warfen ihn mit Schwung seinem Pudel hinterher in die schwarzen Fluten des Landwehrkanals. Da mochte er mit den Wassern stromab treiben, Hauptsache, es fand ihn so schnell keiner.
    Lachend machten wir uns auf den Weg zurück in die Brüderstraße, denn wirklich niemand von uns hatte bei dieser Tat den geringsten Skrupel verspürt.
    Wir übernachteten bei Vanderborg, wo Friedrich gesättigt von der ungewohnten Mahlzeit recht bald in einen tiefen und zum ersten Mal seit Langem traumlosen Schlaf fiel.
    Ich aber konnte nicht schlafen, denn mich plagte ein schrecklicher Durst. So gestand ich Amadeus, dass es mich dringend nach einer Blutmahlzeit verlangte, und da auch er sich durstig fühlte, machten wir uns noch einmal gemeinsam auf, um ein jeweils passendes Opfer zu finden.
    Das ging recht schnell: Nachdem Amadeus sich an einem jungen Mann delektiert hatte, der auf einer Parkbank unter Zeitungen betrunken röchelte und vermutlich ohnehinkeine lange Lebensspanne vor sich gehabt hätte, löschte ich meinen Blutdurst durch raschen Zugriff auf ein schwangeres junges

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