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Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle

Titel: Die dunkle Chronik der Vanderborgs - Estelle
Autoren: Bianka Minte-König
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meinem Grund als meine Gäste!«, schnaubte ich. »Wenn euer Sohn sich gegen meine Tochter vergeht, dann hat er sich dafür zu entschuldigen und nicht wir. Bevor das nicht geschieht, geht mir aus den Augen!«
    Sie verließen die Küche und gingen mir in den nächsten Tagen tunlichst aus dem Weg. Doch als ich dann am Ende der Woche im Gutsbüro über den Büchern saß, da kam Gertrud, die offenbar ein Einsehen hatte, zu mir und schickte Wilhelm zu Amanda, damit er sich bei ihr entschuldigte.
    So war der Friede in der Hausgemeinschaft zumindest oberflächlich wiederhergestellt, doch er war fragil und die ungezwungene Herzlichkeit in meinem Verhältnis zu Gertrud wollte sich nicht wieder einstellen, nachdem ich nun wusste, welch schlechte Meinung sie über mich als Mutter hatte.
    Und auch das Misstrauen, mit dem sie Amanda beäugte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, stand wie eine eisige Wand zwischen uns, an der jede wärmere Zuneigung abrupt erkaltete.
    Dabei hätte ich so dringend freundschaftlichen Zuspruch gebraucht, denn die zunehmende Gewissheit, dass Amanda zu einer Vampirin werden und vermutlich schon bald ihre erste Blutmahlzeit brauchen würde, belastete mich mehr, als ich gedacht hatte. Wenigstens stand Friedrich mir zur Seite, und so weihte ich ihn in das geheime Gewölbe ein, wo ich mich in letzter Zeit immer öfteraufhielt, wenn ich meine Chronik schrieb und meinen Gedanken an Amadeus nachhing.
    Natürlich sagten wir Amanda noch nicht, dass wir Vampire waren und auch sie bald einer werden würde, aber wir erklärten ihr, dass Utz eine Bedrohung für uns darstellte und dass Amadeus und ich deswegen diese Räume als Zufluchtsort ausgebaut hätten. Sie war begeistert über die schöne Ausstattung und den Komfort, und ganz besonders faszinierte es sie, dass man nur durch ausgeklügelte Geheimtüren Zutritt zu diesem Refugium hatte.
    Am liebsten wäre sie sofort dort eingezogen, doch ich erlaubte es nicht, um kein weiteres Geschwätz in Gang zu setzen. »Es ist nur für den Notfall, Amanda. Schweig also darüber und führe dein Leben wie bisher. Je weniger Menschen davon wissen, umso sicherer werden wir sein, wenn uns wirklich Gefahr drohen sollte.«
    Sie maulte ein wenig, aber als auch Friedrich ihr noch einmal zuredete, gab sie schließlich Ruhe.
    »Sie wird eine Schönheit«, meinte Friedrich, als sie uns verließ, um in ihr Zimmer zu gehen, und er die Geheimtür hinter uns schloss. Ich sah ihr voller Mutterstolz nach und hoffte inständig, dass der Notfall, für den wir diese Räume gebaut hatten, nie eintreten möge.

    I m August des Jahres 1917 erhielt Amadeus nach langem Warten endlich Heimaturlaub.
    Im Juli war die Schlacht in Flandern buchstäblich, wie er es im Jargon nannte, »abgesoffen«, denn Ende des Monats hatte Starkregen in Belgien und Ostfrankreich die Schützengräben überflutet und die Schlachtfelder an der Westfront in eine einzige Schlammwüste verwandelt, inder jeder Angriff stecken blieb. Da tagein und tagaus der Himmel von Wolken verdunkelt war, hatte er keine Probleme mit seiner Lichtempfindlichkeit, aber die Gasgranaten machten auch ihm zu schaffen und das schreckliche Sterben um ihn herum hatte ihn schwer gezeichnet. Sein Atem ging rasselnd und er hustete gelegentlich wie ein Schwindsüchtiger, was sich jedoch sehr bald besserte. Ich fand ihn anziehender als je zuvor und das Glück, ihn endlich wieder zurückzuhaben, überstrahlte alles. Wir stürzten einander in die Arme und dann sofort in mein Schlafzimmer. Erst klammerte er sich an mich, stöhnte und weinte, weshalb ich zunächst dachte, der Krieg hätte ihn so tief verletzt, dass er unfähig zur Liebe geworden wäre. Doch dann begann er meinen Körper Stück für Stück zu erobern und entfachte schließlich ein gierig leckendes Feuer zwischen uns, das Leib und Seele in Schutt und Asche zu legen drohte, so ungezügelt loderte es auf. Es war die Liebe eines Verzweifelten, aber auch eine Liebe, die nichts Menschliches mehr hatte, die gewaltig war und das Versprechen ewiger Erfüllung in sich trug.
    Und als ich am nächsten Morgen Amanda mit einer toten Ratte in ihrem Bett fand, der sie bis auf den letzten Tropfen das Blut ausgesaugt hatte, da war mir, während ich das Tier dezent entsorgte, endgültig klar, dass wir, wenn das Schicksal es nur ein wenig gut mit uns meinte, die Stammeltern eines neuen Vampirgeschlechts sein würden.

    Amadeus hatte sich nun auch äußerlich stark verändert. Seine Haut war von vornehmer Blässe

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