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Der Wunsch des Re

Der Wunsch des Re

Titel: Der Wunsch des Re
Autoren: Anke Dietrich
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Familie ausgesetzt worden war. Ramses indes störte es anscheinend nicht, dass sich sein Sohn ständig in ihrer Nähe aufhielt. Er hatte einzig Merenptah, seinen Halbbruder, dazu angehalten, gut über den Thronfolger zu wachen.
    Sie schenkte der Frau einen letzten abfälligen Blick und wandte sich wieder ihrer Dienerin zu, die zu den leisen Klängen einer Laute sang.
    Satra saß derweil mit gekreuzten Beinen am Heck der königlichen Barke unter einem Sonnensegel und ahnte nicht, dass die Königsmutter ihr nicht gerade wohlgesonnen war. Ergriffen wanderte ihr Blick von der Silhouette der Stadt Memphis zur Stufenpyramide des Djoser mit dem sie umgebenden Grabkomplex. Neben ihr hockte der elfjährige Hori mit einer Schreibbinse in der Hand und einem Blatt Papyrus auf den Knien, auf dem er seine Eindrücke der Reise niederzuschreiben pflegte.
    Hori war dieser Anblick nicht neu; dennoch hielt auch er den Atem an. Bewundernd blickte er zu den strahlend weißen Stadtmauern mit ihren Wachtürmen und den riesigen Obelisken und Fahnenmasten des großen Ptah-Tempels, die an Höhe und Erhabenheit nur dem gestuften Koloss aus Stein Respekt zollen mussten.
    »Weißt eigentlich du, Hoheit, welcher König sich dieses Bauwerk errichten ließ?«, fragte Satra den Prinzen und gab gleich selbst die Antwort darauf. »Es war ein Pharao namens Djoser, der vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden lebte.«
    »Ich weiß. Mein Vater hat mir von ihm erzählt, als wir das letzte Mal hier vorbeigekommen sind. Er sagte, dass der Mann, der diese Pyramide gebaut hat, ein weiser Priester mit Namen Imhotep war, den wir Kemiter inzwischen wie einen Gott verehren.« Er sah zu der Dienerin, und ihre Blicke trafen sich.
    »Das stimmt, Hoheit. Imhotep, der treue Wesir und Ratgeber von Osiris Djoser, war ein wahrhaft begnadetes Genie. Er baute dieses Wunderwerk zum Ruhme seines Königs und zum Gefallen der Götter.« Versunken glitt Satras Blick wieder zu diesem Berg aufeinandergeschichteter Steine. »Ich habe einmal gelesen, dass diese sechs Stufen die Menschen des Schwarzen Landes symbolisieren. Jedem Menschen wird bei seiner Geburt durch die Götter ein fester Platz in der Gesellschaft zugewiesen, und so ist die unterste und größte Stufe die Masse der Bauern und niedersten Diener, so wie ich eine davon bin. Dann folgen die Handwerker, die einfachen Soldaten und höheren Diener, als Nächstes die Schreiber, die niederen Priester und Beamten, gefolgt von der vierten Stufe, welche die höheren Beamten und Priester sind. Die vorletzte Stufe versinnbildlicht Pharaos höchste Ratgeber: den Wesir, den Vizekönig von Kusch, die Gaufürsten, seine Generäle und Hohepriester. Doch ganz oben thront über allen nur der Herr der Beiden Länder selbst. Er ist der lebende Gott, und da Gold das Fleisch der Götter ist, ist die Spitze einer Pyramide stets vergoldet und reicht bis in den Himmel hinein.«
    Mit staunenden Augen hatte Hori ihr gelauscht. »Das habe ich noch nicht gewusst«, gab er beeindruckt zu. »Woher weißt du das alles?«
    Satra zuckte mit den Schultern. »Wie ich bereits sagte, Hoheit. Ich habe es gelesen.«
    »Du kannst lesen?« Etwas ungläubig starrte Hori sie an. »Wer hat es dir beigebracht? War es dein Vater oder hast du eine Schule besucht, wo auch Mädchen unterrichtet werden?«
    Satra lächelte. »Ja, mein Prinz, ich kann sowohl lesen, schreiben als auch rechnen, und ich habe in der Tat in einer Schule Unterricht erhalten, in der sowohl Jungen als auch Mädchen waren.«
    Nachdenklich kratzte sich Hori mit seiner Schreibbinse hinter dem rechten Ohr. »Das ist recht ungewöhnlich«, stellte er fest. »In der Palastschule gibt es fast nur Knaben. Gelegentlich erhalten auch die Töchter hoher Würdenträger Unterricht im Lesen und Schreiben, natürlich auch meine Schwester und die Tochter meines Onkels Sethi. Aber wenn ich ehrlich sein soll, haben Mädchen für die heiligen Zeichen weder Interesse noch Talent.« Er blickte wieder hinüber zur Pyramide des Djoser und schwieg gedankenversunken den Rest der Fahrt.
     
    * * *
     
    Am folgenden Tag setzten sich einige der Barken wieder in Bewegung, um den Fluss nach Norden zum Pyramidenplateau zu befahren. Ramses nahm Amunhotep und Satra sowie den Hohepriester des Ptah von Memphis, ein paar königliche Diener und die Getreuen mit nach Giseh.
    Angestrengt suchte Satra den westlichen Horizont mit ihren Augen ab. Nachdem sie die Pyramiden von Abusir hinter sich gelassen hatten, konnte sie die drei

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