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Der Wunsch des Re

Der Wunsch des Re

Titel: Der Wunsch des Re
Autoren: Anke Dietrich
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Herr der Beiden Länder, dessen Vater der Gott Amun-Re ist, sei ein gewöhnlicher Mensch wie du und ich?« Seine Stimme war scharf geworden, und sein Blick durchbohrte Satra, die innerlich die Macht in ihrem Körper anflehte, ihm auf diese Frage nicht antworten zu müssen. »Gib mir sofort das Amulett!«, schnaubte er und streckte ihr seine Hand entgegen. »Du bist es nicht wert, ein Amulett des Osiris um den Hals tragen zu dürfen. Und nun gehe mir aus den Augen. Ich will dich heute nicht mehr sehen.«
    Verstört nahm Satra die kleine tönerne Figur ab und reichte sie Amunhotep, der sie nahm und hinter sich auf den Arbeitstisch donnerte. Dann verneigte sie sich steif und verschwand wortlos aus dem Raum.

DREI
       
      
     
     
     
     
     
    Ramses begab sich in Begleitung seiner Mutter Nubchesbed und seines Onkels Sethi nach Theben, um sich mit eigenen Augen ein Bild über die Verwüstungen im Grab seines Vaters zu machen. Auf diese Reise nahm er nur seinen ältesten Sohn Hori, eine Handvoll Diener sowie die Getreuen mit, um anschließend seine Fahrt nach Memphis fortzusetzen.
    Seine Gemahlin Isis, in deren Leib erneut der königliche Samen zu reifen begonnen hatte, war von Abydos aus nach Per-Ramses aufgebrochen. Dasselbe galt für Ramses’ zweite Gemahlin und seine Halbschwester. Beide Frauen hatten mit ihm reisen wollen – die eine, um den Pharao die Zeit über nicht mit der Königin teilen zu müssen, die andere, um dem Vorsteher der Osiris-Priesterschaft nahe zu sein –, doch er hatte es ihnen nicht erlaubt.
    Mit Tränen der Wut und Verzweiflung stand er zwei Tage später im Ewigen Haus von Ramses VI. und konnte nicht glauben, was er sah. Der schwere Deckel des Sarkophags lag zertrümmert auf dem Boden, die Sargwanne war schwarz vom Ruß. Ein Großteil der Grabbeigaben war gestohlen. Das Grauenvollste aber war der Anblick des zerschmetterten und zum Teil verbrannten Körpers der königlichen Mumie.
    »Das Grab muss wieder instand gesetzt und geweiht werden«, befahl er Nesamun. »Lass durch die Handwerker alle Spuren dieser Gottlosen beseitigen. Die geschändeten Überreste der Mumie sollen durch die Diener des Anubis wieder hergerichtet werden, und trage Sorge dafür, dass sie in einem neuen Sarkophag wieder ihre Ruhe findet. Zudem übertrage ich dir die Aufgabe, die Schuldigen für dieses abscheuliche Verbrechen ausfindig zu machen. Enttäusche mich nicht.«
    »Wie du befiehlst, Majestät.« Nesamun verneigte sich.
    Noch am selben Tag kehrte Ramses der südlichen Königsstadt den Rücken und fuhr flussabwärts in Richtung Memphis. Für eine Nacht machte er in Abydos Halt, wo sich am folgenden Morgen die Barke von Amunhotep der kleinen Flotte anschloss.
    Der Nil war wieder zu einem schmalen blauen Band geworden, die Strömung nicht mehr so stark wie noch ein paar Wochen zuvor, sodass die Ruderknechte die Schiffe fast nur mit ihrer Muskelkraft den Fluss hinabbewegen mussten.
    Die Bauern hatten mit dem Abernten der Felder begonnen. An den Ufern sah man Männer, Frauen und Kinder, wie sie das Getreide auf dem Boden verteilten und Ochsen darübertrieben, damit diese die Körner aus den Ähren traten. Anschließend wurde das so gedroschene Getreide in die Luft geworfen, damit der Wind die Spreu vom Korn trennen konnte. Zu guter Letzt wurde es in geflochtene Binsenkörbe getan und auf Lastschiffe gebracht, die es zu den an den Ufern des Nil gelegenen Tempeln oder in die Vorratsspeicher des Königs transportieren würden.
    Eines frühen Nachmittags kam die hohe weiße Mauer des altehrwürdigen Memphis in Sicht, der gegenüber sich auf der linken Uferseite die Totenstadt von Sakkara erhob. Auf diesem geweihten Boden waren die frühen memphitischen Herrscher begraben, und inzwischen wurden dort auch die hohen königlichen Beamten zur ewigen Ruhe gebettet.
    Prinz Hori hatte sich wieder zu Satra gesellt, während Amunhotep zusammen mit Ramses und Sethi unter einem Baldachin saß und sich leise unterhielt. Nubchesbed beäugte indes ihren Enkel mit vorwurfsvollem Blick.
    Die alte Königin sah es nur ungern, dass sich Hori ständig in der Nähe dieser Frau aufhielt. Es war, als ginge von ihr eine magische Anziehungskraft aus, die aber nur auf Männer Wirkung hatte. Selbst Sethi konnte den Blick nicht von ihr lassen, was Nubchesbed bereits beim Fest in Abydos nicht entgangen war.
    Die Königsmutter mochte die leibeigene Dienerin nicht.
    Noch immer gab sie ihr die Schuld an all den Schicksalsschlägen, denen ihre

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