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Der Wunsch des Re

Der Wunsch des Re

Titel: Der Wunsch des Re
Autoren: Anke Dietrich
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treue Dienerin der Götter und Meiner Majestät sein. Du darfst wieder gehen.«
    Bedrückt erhob sich Satra und verschwand.
    Nachdem sich hinter ihr die Tür geschlossen hatte, sah Ramses zu Amunhotep, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte.
    »Wir haben es hier mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Wie kann ein Mensch die Götter verschmähen?« Er wandte den Blick ab und sah gedankenverloren auf die Staubkörner, die im Licht der Sonne durch den Raum tanzten. »Nimm sie meinetwegen auch weiterhin mit auf die Tempelbaustellen. Versuche in Erfahrung zu bringen, was sie kann. Möglicherweise erfahren wir nur so, warum sie mir vom Herrscher über das Totenreich gesandt wurde und wie der Wunsch des Re lautet, dem wir zu gehorchen haben.« Ratlos schüttelte er den Kopf. »Trotzdem ist es mir unverständlich, wieso die Götter jemanden ausgewählt haben, der ihre Existenz anzweifelt.«
    »Vielleicht wollen sie Satra zum wahren Glauben bekehren«, wagte Amunhotep einen Erklärungsversuch.
    »Möglich, doch solange deine Dienerin diesen Glauben nicht hat, werde ich ihr nicht mein Vertrauen schenken.« Ramses war aufgestanden und trat hinter dem Arbeitstisch hervor. »Ich fahre noch heute nach Theben, doch halte dich bereit. So schnell wie möglich kehre ich nach Abydos zurück, um mich von hier nach Memphis zu begeben. Ich will, dass du mich begleitest. Und nimm deine Dienerin auf dieser Reise mit, damit sie sowohl an deinem als auch an meinem Leben Anteil hat.« Er lächelte gequält und ließ Amunhotep allein.
    Nachdem der König gegangen war, rief der Oberpriester Satra wieder in den Raum.
    »Du dumme Frau«, schalt er sie, als sie in das Arbeitszimmer trat. »Ich erzähle dem Pharao, dass du in der Zwischenzeit eine dem Großen Gott Osiris treu ergebene Dienerin geworden bist, dass du zu ihm betest, und du sagst, dass du noch immer nicht an seine Existenz glauben kannst.«
    Mit gesenktem Kopf stand Satra da und starrte auf ihre Fußspitzen. »Verzeih mir, Herr, aber ich kann Seine Majestät nicht belügen, und es wäre eine Lüge gewesen, wenn ich behauptet hätte, dass ich an Osiris glaube.«
    »Aber du hast doch täglich deine Gebete an ihn gerichtet?«
    »Ja, doch ich habe vor ein paar Wochen damit aufgehört, weil ich es nicht aus ehrlicher Überzeugung getan habe, sondern nur aus reinem Pflichtgefühl.«
    »Warum fällt es dir so schwer, an unsere oder deine Götter zu glauben?«, fragte Amunhotep, legte den Kopf schief und musterte sie kritisch. »Ihr habt doch sicher auch Götter in eurem Land?«
    Satra nickte vage.
    »Du hast Osiris gegenübergestanden. Er hat dich berührt und dir dieses heilige Zeichen gegeben.« Er wies auf die kleine bläuliche Tätowierung, die sie auf ihrem linken Oberarm trug. »Und ist nicht der Pharao selbst ein Gott?«
    »Wie ich bereits Seiner Majestät sagte, ich habe auf dem Vorhof etwas erlebt, was nicht natürlich sein kann. Und ich spüre, dass seit jenem Abend etwas von mir und meinem Körper Besitz ergriffen hat. Ich sehe das Zeichen auf meinem Arm, aber mein Verstand weigert sich verzweifelt zu glauben, dass es göttlich ist.«
    »Aber warum, Satra? Erkläre es mir.«
    »Weil Göttlichkeit etwas ist, was sich nicht sehen und anfassen lässt. – Und weil nicht sein darf, was nicht sein kann.« Die letzten Worte waren nur noch gemurmelt. »Ich habe begonnen, jeden Morgen und Abend ehrfürchtig zu Osiris zu beten. Ich habe mir einzureden versucht, dass das, was ich tue, richtig sei und ich ab sofort an die Existenz eines Gottes namens Osiris glauben kann. Ich habe mir nur etwas vorgemacht. Noch immer drängen sich andere Gedanken in mein Bewusstsein, die sagen, dass es nur ein Stück Stein ist, zu dem ich spreche.«
    Ratlos hob Amunhotep den Blick zur Decke. »O ihr Götter, warum straft ihr mich nur mit einer verstockten, ungläubigen Dienerin?« Dann sah er wieder zu der Dienerin. »Hast du jemals Seine Majestät berührt?«
    »Das würde ich nicht wagen, weil ich weiß, dass es verboten ist.«
    »Du akzeptierst also, dass Pharao ein Gott ist«, stellte Amunhotep fest, und Satra dachte bei sich, dass sie das genau nicht tat, hielt aber lieber den Mund. »Warum also kannst du nicht Osiris akzeptieren?«
    »Weil ich Osiris nicht sehen kann, so wie ich den König sehe. Seine Majestät ist körperlich da, er redet, er atmet und isst ... genau wie du und ich und jeder andere seiner Untertanen.«
    Empört schnappte der Oberpriester nach Luft. »Willst du damit andeuten, der

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