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Im Zeichen der Angst Roman

Titel: Im Zeichen der Angst Roman
Autoren: Mika Bechtheim
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Prolog
    Herbst 2002
    Ich sehe meinen Vater immer noch vor mir mit seinem weißen Imkerhut und seiner Pfeife, aus der betäubende Schwefeldämpfe waberten, während er eine Bienenwabe nach der anderen aus den grün gestrichenen Beuten nahm und sie mir gab, damit ich sie in den selbst gezimmerten Kästen auf hing.
    Der bläuliche Rauch beruhigte die Bienen, während mein Vater ihnen die Tracht stahl: im späten Frühling den weißlichen Rapshonig, der sich den ganzen folgenden Winter über geschmeidig wie frisch geschlagene Rahmbutter auf das Brot streichen ließ; im Sommer den dunkelgoldenen Rotklee - oder den braunen Waldhonig, der irgendwann fest sein und sich nur noch bröckchenweise aus den Gläsern lösen würde.
    Während meiner Kindheit in der ostdeutschen Kleinstadt wiederholte sich dieses Ritual alljährlich, und ich kann mich bis heute so lebhaft daran erinnern, als sei ich ihm erst gestern zur Hand gegangen. Die Schwefeldämpfe bissen in den Augen, und manchmal, wenn ich zu nah und zu lange neben meinem Vater stand, begannen sie zu tränen.
    Meinen Vater sah ich niemals weinen - bis zu dem Tag, an dem meine Mutter im Sommer 1989 kurz vor der Geburt meines ersten Kindes verschwand. Sie hatte sich - wie in jenem Sommer kurz vor dem Fall der Mauer Hunderte vor und noch Hunderte nach ihr - über die deutsche Botschaft in Budapest in den Westen abgesetzt. Sie hinterließ einen Brief an mich. Ich hätte ja nun, nach meinem Diplom und meiner Heirat, ein eigenes
Leben und bräuchte sie nicht mehr. Sie habe sich deshalb entschieden, noch einmal von vorn zu beginnen. Wir haben nie wieder etwas von ihr gehört.
    Im Januar 1996 beerdigten mein Mann Kai und ich meine erst sechsjährige Tochter Johanna, und als die Träger den Sarg in das Grab ließen, sah ich meinen Vater ein zweites Mal weinen. Meine Tochter war entführt worden und in einem alten Wasserturm an einem Asthmaanfall gestorben.
    Mein Vater verstand, dass ich ihren Tod rächen wollte und dass es mir nicht reichte, den Entführer hinter Gittern zu sehen. Ich wollte, dass er sein Leben verlor. Ich wollte die Rache aus tiefstem Herzen, gemäß dem alttestamentarischen Motto »So sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge und Zahn für Zahn«.
    Doch es kam anders. Der Mann, der meine Tochter entführt haben sollte, war unschuldig. Trotzdem wurde er erschossen. Mit meiner Waffe und an dem Tag, an dem ich ihn in seinem Haus aufsuchte. Doch zum Zeitpunkt seines Todes hatte ich ihn längst verlassen. Ich konnte es nicht beweisen, und so wurde ich verhaftet und für schuldig befunden. Ich verbrachte sechs Jahre hinter Gittern wegen eines Mordes, den ich nicht begangen hatte.
    Sechseinhalb Jahre nach Johannas Tod lag mein Vater im Sterben. Er, der Nichtraucher, hatte Lungenkrebs, und das Morphium, das die Ärzte ihm gegen die Schmerzen verordneten, legte schließlich einen dichten Schleier über seinen Verstand, unter dem er nur noch ab und zu und unter größter Willensanstrengung hervorkam.
    An seinem letzten Nachmittag lag ich neben seinem ausgezehrten Körper auf dem Krankenhausbett und hielt wie all die Tage zuvor seine Hand. Obwohl er in den letzten Monaten so abgemagert war, dass sich unter der dünnen Haut jede Rippe einzeln abzeichnete, waren seine Hände noch immer groß und schwielig und die Handrücken durchzogen von dicken, blauen Adersträngen. Es waren die Hände eines Mannes, der sein Leben lang körperlich gearbeitet hatte.

    Er lag auf dem Rücken, die Augen, die sich seit zwei Tagen nicht mehr schlossen, der Decke zugewandt. Von Zeit zu Zeit nahm ich die Tasse mit dem Wasser von seinem Nachttisch, steckte einen Wattetupfer hinein und strich ihm damit über die Lippen. Mitunter gelang es mir, sie leicht zu öffnen, und dann fuhr ich mit dem feuchten Wattestäbchen an seinem Zahnfleisch entlang. Mehr konnte ich nicht für ihn tun. Sein Körper hatte eine Lebensfunktion nach der anderen eingestellt. Erst das Essen, dann das Sprechen, dann das Blinzeln und schließlich das Schlucken.
    Ich betrachtete ihn von der Seite und dachte daran, wie er mir damals den Abschiedsbrief meiner Mutter gegeben hatte.
    Ich hatte auf die Zeilen gestarrt, sie wieder und wieder gelesen. Irgendetwas in mir hatte verweigert zu verstehen, was meine Mutter mir mitteilen wollte. Dann hatte ich die Tränen in den Augen meines Vaters gesehen und verstanden: Meine Mutter hatte uns verlassen, und sie würde niemals wieder zu uns zurückkehren.
    Plötzlich richtete er sich in

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