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Der Tod wohnt nebenan Kriminalroman

Titel: Der Tod wohnt nebenan Kriminalroman
Autoren: Francisco Gonz lez Ledesma
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1
    Gut.
Der Mann, der sterben wird, ist schon da.
    Er hegt keinen Verdacht. Er ist verzückt von dem alten Ort, der ihn an längst vergangene Zeiten erinnert.
    »Sieh dir nur den Stuck an der Decke an«, flüstert seine Begleiterin, »Handarbeit, so etwas macht heute keiner mehr. Und diese Jugendstilfenster mit dem Glasschliff. Und die dunklen Stellen an der Wand, da hingen früher die Spiegel.«
    Der Todgeweihte schaut und schaut, und die Stimme begleitet ihn. Er geht nicht oft ins Museum, doch die Stimme hört sich an wie die einer Museumsführerin. »Und erst das Badezimmer. Die Armaturen sind nicht mehr da, aber auf wundersame Weise ist ein einziges Manises-Becken noch vollständig erhalten.«
    Der Todgeweihte schöpft immer noch keinen Verdacht.
    Bis er den Handschuh zwischen den Fingern aufblitzen sieht, fein wie der einer Frau und flink wie der eines Magiers. ›Warum braucht man hier Handschuhe?‹, mag er sich fragen, ›bei der Hitze …‹
    Dann die Pistole.
    Eine 38er.
    Der Mann, der sterben wird, weiß das, er kennt sich aus mit Waffen. Entgeistert starrt er den metallisch glänzenden Gegenstand an. Im ersten Moment denkt er, es handele sich um einen Scherz. Er versucht sogar zu lachen.
    »Was hat das zu bedeuten?«
    »Auf die Knie, Dreckskerl.«
    Der Mann, der sterben wird, hat jetzt keineswegs mehr das Gefühl, es handele sich um einen Scherz, und obwohl er immer noch nicht ganz begreift, sagt ihm sein Instinkt, dass es besser ist zu gehorchen. So würde er Zeit gewinnen. Er könnte auch versuchen, sich auf die fünf Schritte entfernte Pistole zu stürzen, aber dann würde die Zeit nicht mal mehr für die Letzte Ölung reichen. Er kniet nieder und murmelt mit weit aufgerissenen Augen: »Was ist das hier? Die Generalprobe für ein Fest?«
    Man sieht in der Tat lange, festlich gedeckte Tische. Glänzende Flaschen. Sogar ein leichtes Glitzern auf dem Geschirr von Manises, das ein Verwandter von Präsident Azaña gestiftet hat.
    »Auf die Knie. Ich will dich auf allen vieren kriechen sehen.«
    Die Stimme hört sich plötzlich metallisch an, dunkel. Kaum zu glauben, dass sie aus diesem Raum kommt. Der Mann, der sterben wird, weiß plötzlich, blitzartig, dass seine letzte Sekunde gekommen ist. Aber das ist auch das Einzige, was er weiß. Er versucht aufzustehen.
    Dann die Kugel. Nur eine einzige, ein professioneller Schuss. Sein Kopf wird nach hinten geschleudert, als sollte er abreißen. Der Körper fällt zu Boden.
    Was der Mann, der stirbt, in diesem Moment begreift, nutzt ihm nichts mehr.

2
    Die Tische bogen sich unter Sandwiches mit Chorizo, Käse, Salchichón, billigem Landschinken und marinierten Sardinen, die man an einem Sonntagnachmittag in der Hafeneinfahrt gefangen hatte. Es gab Cariñena-Wein, galicischen Trester für die Hartgesottenen, Wasser und ein ganzes Sortiment an fettarmen Joghurts für die Mütter, die Diät machen mussten, damit sie in die winzigen Wohnungen passten, in denen sie jetzt hausten.
    Es sollte so etwas wie das letzte Abendmahl sein.
    Und zu diesem Mahl hatte der Nachbarschaftsverein des Viertels aufwändig geladen.
    Auf geht’s, Nachbarn, lasst uns gemeinsam die Straße überqueren, denn es naht die letzte Stunde, hob der Präsident an.
    Wir alle wissen, was dieses alte Haus mitgemacht hat. Das Haus hat alles überlebt, meine Freunde, die Tragische Woche, die Bomben des Bürgerkriegs, die Armut und den Zerfall. Doch die Spekulanten wird es nicht überleben. Denn heute, meine lieben Freunde, ist das Grundstück mehr wert als die Wohnungen darauf – und natürlich auch als die Bewohner und ihre Seelen. Da können auch die »Richter für die Demokratie« und die »Ärzte ohne Grenzen« nichts ausrichten. Das Gebäude wird abgerissen und ein anderes, höheres, im Namen der Größe der Stadt gebaut. Denn ihr müsst wissen, heute leben wir im reichen Barcelona des 21. Jahrhunderts.
    Nachbarn, wir treffen uns alle in der ersten Etage.
    Wir haben die erste Etage gewählt, nicht nur weil sie für die Arthrosegeplagten gut zu erreichen ist, sondern weil sie am besten erhalten ist und man dort garantiert nicht einbricht. Das ist kein Zufall, meine lieben Freunde, so wie nichts in diesem Leben Zufall ist: Die Mieterin, Señora Ruth, hat die Wohnung so gut in Schuss gehalten, weil sich darin ein Salon befand, in dem vier Mädchen im Negligé heimlichen Besuch von Herren erhielten, die Münze für Münze zusammengespart hatten, um ihrem Laster frönen zu können. Etwas von dieser

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