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Der Fluch der Druidin

Der Fluch der Druidin

Titel: Der Fluch der Druidin
Autoren: Birgit Jaeckel
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Prolog 102  v.Chr.
    D ie von namenlosen Legionären festgetretene Erde der Straße hallte unter den Schritten des Mannes, der sie entlangwankte. Von Zeit zu Zeit streiften seine breiten Schultern das gespannte Leder der Mannschaftsunterkünfte, welche die Straße säumten, doch der Mann, der sein Volk zum Sieg über die Römer geführt hatte, war zu berauscht, um es zu bemerken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Geräuschen, die über Graben, Wall und die Palisaden des Kastells hinweg an seine Ohren drangen: Gelächter, Lieder, das fröhliche Kreischen von Frauen und Kindern, Trinksprüche auf das siegreiche Heer und seinen König. Die Sprache des Triumphes. Die Sprache, die Boiorix am besten von allen beherrschte.
    Die Zelte, in denen vor zwei Nächten noch römische Soldaten geschlafen hatten, verschwammen am Rande seines Gesichtsfelds. Genauso würde schon bald ganz Italien vor seinen Augen verschwimmen, dachte er trunken. Wie eine Flutwelle würden seine nordischen Krieger über das Land hereinbrechen, allen Staub und römische Arroganz hinwegfegen und ernten, was die Woge übrig ließ: Blut und Wein im Überfluss, Reichtum und unsterblichen Ruhm, dazu das fruchtbare Land für sein Volk. Offen wie die Schenkel einer Hure lag es vor ihm.
    Sinnlose Wortfetzen trieben mit dem Abendwind an Boiorix’ Ohr, Fragmente der Siegessänge, die seine Männer über den heutigen Tag dichteten. Immer wieder hörte er seinen Namen heraus, begleitet vom triumphierenden Hall der Trompeten. Die Lieder erzählten, wie Boiorix seine Krieger zum Sieg über den römischen Konsul Catulus und dessen Heer an dem Fluss, den die Römer Athesis nannten, geführt hatte. Er hatte ihr Lager gestürmt und in seiner Großmut erlaubt, dass die römischen Soldaten unbehelligt abzogen. Er wollte, dass sie ganz Italien erzählten, dass die Kimbern sie wie Fliegen hätten zerquetschen können – trotz ihrer strengen Heeresorganisation, ihres Kastells und des von Barden besungenen militärischen Geschicks ihrer in blitzende Muskelpanzer gehüllten Anführer. Sie sollten ihre Niederlage nach Rom tragen, Schande und Angst verbreiten, bis auch der letzte römische Bettler aus Furcht vor den heranstürmenden Nordmännern unter den Rock seiner Mutter kroch und sich zitternd selbst benässte.
    Der Gedanke ließ Boiorix den Druck in seiner Blase spüren. Er blieb stehen, um an den Schnüren zu nesteln, die seine Hose hielten. Dabei stellte er fest, dass seine rechte Hand noch immer ein Trinkhorn umklammert hielt, in dessen Inneren es verführerisch schwappte. Den Kopf in den Nacken gelegt, führte er das Horn an die Lippen. Schwerer dunkler Wein rann durch seinen Schnurrbart, spritzte ihm ins Gesicht und tropfte kühl auf seine Brust hinab. Rülpsend schleuderte er das Horn von sich und hörte befriedigt, wie es irgendwo in der einsetzenden Dunkelheit mit einem dumpfen Ton gegen eine Zeltwand prallte. Gerade wollte er sich wieder den Schnüren seiner Hose zuwenden, als er Stimmen hörte.
    Boiorix wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und blinzelte. Trotzdem dauerte es einige Herzschläge, bis sich sein Blick klärte und er die beiden Männer und das Mädchen unterscheiden konnte, die den Platz vor den Stabszelten überquerten und sich ihm langsam näherten. Er spürte eine Bewegung hinter sich, aus den Augenwinkeln nahm er einen geschmeidigen, schwarzgekleideten Schatten wahr, der schräg hinter ihn trat, bereit, zu den Waffen zu greifen und seinen König zu verteidigen.
    Auf diesen Jungen ist immer Verlass!
Boiorix gestattete sich ein zufriedenes Schnauben, das sich allerdings unter seinem Schnurrbart verlor, bevor es die warme Luft kräuseln konnte. Der Mann im Schatten hörte es dennoch. Weiße Zähne blitzten in einem stolzen Lächeln auf und verschwanden sofort wieder, als der geneigte Kopf eine Verbeugung andeutete.
    Boiorix wandte sich wieder der kleinen Prozession mit den zwei Männern aus seiner Leibgarde zu. Heute Nachmittag, als er seine über die Wanderjahre hinweg angehäuften Kostbarkeiten in das mit luxuriösen Möbeln eingerichtete Zelt des römischen Feldherrn hatte schaffen lassen, hatte er diesen beiden Männern und einer Handvoll anderen die Bewachung seiner Beuteschätze anvertraut. Daher gefiel es ihm überhaupt nicht, sie jetzt wie unterwürfige Diener in Begleitung dieses Mädchens zu sehen.
    Boiorix trat von der Zeltwand, an der er sich hatte erleichtern wollen, weg und auf den Platz vor dem Hauptquartier. »Was

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