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Der Fluch der Druidin

Der Fluch der Druidin

Titel: Der Fluch der Druidin
Autoren: Birgit Jaeckel
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meisten amüsieren, wenn sie ihr die Geschichte erzählte.
    Einen Moment lang spürte Sumelis, wie Heimweh sie ergriff. Kurz vor Ende des alten Jahres war sie nach Alte-Stadt gekommen und hatte hier den Winter verbracht. Jetzt, fünf Monate später, begannen die ersten Schlüsselblumen zu blühen, während die Sonne stetig an Kraft gewann und der Tag ihrer Abreise näher rückte. Sobald auch die Nächte wärmer würden und kein Frost mehr drohte, würde Sumelis sich auf den Heimweg machen, zurück zu ihren Eltern und Geschwistern. Zwar hatte sie die Zeit im Haushalt ihres Großvaters genossen, und das Leben war so viel luxuriöser als im Norden, wo es keine Städte gab, keinen Handel mit Römern, Griechen und den keltischen Stämmen westlich des Rhenos’, dennoch freute sie sich auf ihr Zuhause, auf den gemütlichen Hof mit seinen riedgedeckten Dächern, auf den Geruch, den die getrockneten Kräuter ihrer Mutter unter dem Dach verbreiteten, und auf das Knallen der Holzschwerter, wenn ihr Vater mit ihrem kleinen Bruder den Schwertkampf übte. Nach einiger Zeit würde Hari mit hochrotem Gesicht hereingerannt kommen, übersät mit Schrammen und blauen Flecken, und voller Stolz verkünden, dass er seinem Vater einen Schlag in den Bauch versetzt hatte. Talia würde der Magd Haris zerrissene Kleider in die Hände drücken, den Jungen zu einem Eimer zerren und ihn mit einem feuchten Tuch abwischen. Dann würde sie Atharic eine Standpauke halten – »Ist es etwa nötig, ihn so zuzurichten?« –, nach der Hari seiner Mutter ernsthaft verkünden würde, dass sie eben keine Ahnung von Männerangelegenheiten habe. Talia würde ihm daraufhin erklären, dass er seine Kleider ab jetzt selber zusammenflicken könne, wenn er so gescheit sei. Atharic würde ihr einen Kuss geben und sie dann freundlich darauf hinweisen, dass Vebromara, ihre dreijährige Tochter, die Ablenkung nutzte, um die ausgekühlte Asche des Herdfeuers im gesamten Wohnhaus zu verteilen.
    Durcheinander,
dachte Sumelis sehnsüchtig und drehte gedankenverloren an einem der schmalen Zöpfe, die ihre Haare zusammenhielten. Ein Begriff, der in Carans Haushalt keinen Platz kannte. Wahrscheinlich fehlte ihr einfach etwas Aufregung.
    »Streitet ihr euch eigentlich manchmal? Du und Litus?«
    Ihre Tante, verblüfft von der plötzlichen Frage, winkte der Näherin, sie alleine zu lassen, und wandte sich der jüngeren Frau zu. »Nein, tun wir nicht. Wieso fragst du?«
    Weshalb überrascht mich das nicht?
    »Gibt es denn nichts, was dich an Litus stört?«
    Samis legte ihre glatte Stirn in Falten und dachte nach. »Seine Haare«, meinte sie endlich. »Ich mag es nicht, dass er sie heller färbt.«
    »Welch schreckliche Herausforderung für eine junge Ehe!«
    »Du verspottest mich.«
    »Nur ein wenig.« Sumelis umarmte ihre Tante. »Im Ernst, ich freue mich für dich. Es ist schön, dass du glücklich bist. Du und Litus passt bestimmt wunderbar zusammen.«
    »Du hältst ihn für langweilig, nicht wahr?«
    »Nein, ich …« Sumelis fiel nichts ein. Im Grunde war Litus nicht langweilig. Er war klug, witzig, geistreich. Für seine jungen Jahre hatte er viel erreicht, war ehrgeizig, ohne rücksichtslos zu sein. Er sah sogar gut aus. Nein, Litus war perfekt. Er hatte es nicht verdient, dass Sumelis ihn langweilig fand.
    »Er ist nur nicht jemand, der
meine
Leidenschaft wecken könnte.«
    »So, wie es zwischen deinen Eltern ist?«
    »Vielleicht.« Sumelis nestelte einen ihrer dunklen Zöpfe auf und knotete ihn mit fliegenden Fingern neu. »Woher soll ich das wissen? Ich war noch nie richtig verliebt, glaube ich.«
    Samis lächelte. »Es gibt doch genügend junge Männer, die sofort den Himmel für dich stehlen würden, wenn du sie nur ließest. Auch hier in Alte-Stadt. Zwar weiß niemand, wer du wirklich bist, aber ein paar meiner Freunde haben sich schon nach dir erkundigt.«
    »Was erzählst du ihnen?«
    »Was wir abgemacht haben: Dass du die Tochter eines von Carans Handelspartnern im Norden bist, unser Gast und meine beste Freundin. Und da sie wissen, wie streng das Nordvolk mit der Tugend seiner Frauen ist, halten sie sich zurück. Sie haben Angst, dass eines Abends ein zornentbrannter Nordmann mit einer Axt vor ihnen steht und die Ehre seiner Tochter wiederherstellt.« Samis’ Lachen war ansteckend.
    »So streng sind die Nordmänner auch wieder nicht.«
    »Das soll wohl heißen, dass du schon deine Erfahrungen gesammelt hast?«
    »Nur ein paar.« Sumelis senkte die Stimme,

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