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Der Fluch der Druidin

Der Fluch der Druidin

Titel: Der Fluch der Druidin
Autoren: Birgit Jaeckel
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ihre Arme griffen noch nach einem imaginären Halt in der Luft, dann stürzte sie auch schon der Länge nach auf die Straße. Ihr rotes Haar fiel in den Dreck, den Pferde zurückgelassen hatten, und obwohl es mittlerweile beinahe dunkel war, sah Boiorix Blut, das aus ihrer Nase lief.
    Feuer-Schwan
hatte keinen Laut ausgestoßen. Ihre Fingerspitzen berührten ihr herzförmiges Gesicht und das klebrige Rot, das schwerfällig zu Boden tropfte. Einen Atemzug lang starrte sie es regungslos an, dann rappelte sie sich auf Knie und Hände hoch, legte den Kopf in den Nacken, bis ihr Gesicht dem Mond zugewandt war, und schrie.
    Es war ein langgezogener heulender Schrei, der als Fauchen begann und als unharmonisches Klagen endete. Boiorix zog unwillkürlich die Schultern in die Höhe, aber einen tiefen Atemzug später ließ er sie wieder fallen. Stattdessen griff er zwischen seine Beine, öffnete die Hose und holte sein Glied heraus. Einen Moment lang weidete er sich an dem entsetzten Blick des Mädchens, bevor er sich umdrehte, das Tuch vom Kessel zog und in hohem Bogen in dessen Inneres urinierte. In seinem Rücken hörte er Rufe, schnelle Schritte von Dutzenden Kriegern, die sich näherten, weil der Schrei des Mädchens sie herbeigerufen hatte. Doch Boiorix achtete nicht auf sie. Er entleerte seine Blase bis zum letzten Tropfen und nahm befriedigt den beißenden Geruch seines eigenen Urins wahr, der den Boden des silbernen Kessels mit seinen szenischen Darstellungen, Tieren, den Körpern und überproportionierten Gesichtern fremder Götter, füllte.
    Als Boiorix sich schließlich umdrehte, stand der oberste Druide der Tiguriner hinter ihm, eine Hand auf dem geneigten Kopf seiner Nichte, die andere in einer Geste erhoben, die das Zeichen gegen das Böse schlug.
    »Was habt Ihr getan?« Der Druide legte einen Finger unter das Kinn des Mädchens und hob dessen Kopf an, damit Boiorix das bleiche Gesicht sehen konnte, das sich dort, wo sein Schlag es getroffen hatte, dunkel färbte. Blut lief in einem dünnen Rinnsal über
Feuer-Schwans
Oberlippe und Kinn und verfärbte den Ärmel ihres Onkels. »Ihr habt Hand an jene gelegt, die die Heilige Hochzeit feiern soll! Die Jungfrau, die sich im Frühjahr mit Cernunnos, dem gehörnten Gott, vereinen wird!« Mit bebenden Nasenflügeln deutete der Druide auf den Kessel. »Derselbe Gott, dessen Abbild Ihr gerade entweiht habt! Wie könnt Ihr es wagen?«
    Gegen seinen Willen flackerte Boiorix’ Blick zum Kessel, dessen ihm zugewandte Innenseite eine Gestalt im Schneidersitz zeigte mit einer Art Geweih auf dem Kopf, einen Hirsch zur einen und seltsam anmutenden Tieren zur anderen Seite. In der linken Hand hielt der Gott eine Schlange, in der rechten einen Halsring. Ein Tropfen Urin glitt das Silber zwischen den Brauen des gehörnten Gottes nach unten. Einen Moment lang verspürte Boiorix so etwas wie Furcht.
    Unterdessen strömten immer mehr Menschen auf den Platz: Boiorix’ Leibgarde, seine Anführer, sogar zwei Priesterinnen seines Volkes. Mit gierigen Augen starrten sie von ihrem König zu dem Druiden der Tiguriner und warteten darauf, dass Boiorix den Fremden in seine Schranken wies.
    »Eine Entschuldigung«, flüsterte der Druide und schüttelte dabei fast panisch den Kopf. Er sprach zu niemand Besonderem, sondern zu dem Kessel und den Götterbildnissen auf ihm. »Antworte mir, Cernunnos! Was soll geschehen? Vergeltung? Strafe? Aber wie kann ein einfacher Mensch diese Tat gutmachen? Welches Opfer muss er bringen?«
    Vergeltung, Strafe, Entschuldigung: Die Vermessenheit, die in den Worten des Druiden mitschwang, zerriss auch den letzten Faden Geduld, den Boiorix in sich trug. »Ich denke, es ist an der Zeit, dass Ihr uns verlasst!«, hörte der König der Kimbern sich selbst sagen und so das Murmeln des Druiden unterbrechen. Rascil, die Priesterin, die ihm am nächsten stand, nickte ihm anerkennend zu. Lauter und kräftiger fuhr Boiorix fort: »Kehrt zu Euren eigenen Leuten zurück, Druide! Wir brauchen Euch hier nicht mehr, Eure Arbeit ist getan. Die Berge liegen hinter uns, der Sieg ist unser! Es gibt keinen Grund mehr für Euch, bei uns zu bleiben, und keinen für uns, Euren Rat noch länger zu suchen!«
    Die Tiguriner sahen ihn mit einem Ausdruck an, als hofften sie, dass sie ihn falsch verstanden hatten. Nur das Mädchen, das noch immer zu Füßen seines Onkels kniete, zuckte nicht zusammen. Es legte seine Finger in die Handfläche des Oheims, dann hob es den Kopf und blickte ihn

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